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Gisela Schilling Keller Gift

Udo Gerhard Keller zu Kellerrode Fund, NDSU Development Foundation

Übersetzung: Alice Morgenstern, Munich, Germany

English


Diese Schenkung erfolgt zum Andenken an meinen lieber Mann Udo Gerhard Keller zu Kellerode/Westpreussen und zu Ehren seiner Familie.

Ich habe eigens darum gebeten, dass diese Schenkung an die NDSU Libraries für die Germans from Russia Heritage Collection einem guten Zweck dienen möge, und zwar für die Beseitigung der Schäden durch die Überschwemmung im Jahr 2000. Dabei folge ich unserer Familientradition, eine Institution entweder durch eine Landschenkung oder durch finanzielle Hilfe zu unterstützen, dort, wo sie besonders nötig ist und die Allgemeinheit einen Nutzen davon hat.

Im 19.Jahrhundert schenkte der Urgroßvater meines Mannes, Carl Johann Keller, ein großes Stück seines Landbesitzes der Eisenbahngesellschaft, damit dort Schienen gelegt und der Bezirk für den Güter- und Personenverkehr erschlossen werden konnte. Neben einem ehrenvollen Empfang durch den preussischen König in Privataudienz, erhielt er eigens für seine Familie ein sehr schönes blau-goldenes Porzellanservice für 24 Personen, hergestellt von der berühmten königlich preussischen Porzellanmanufaktur, die am 3.September 1763 von König Friedrich II. gegründet worden war. In späteren Zeiten wurde dieses Service unter die Söhne und Töchter der Familie aufgeteilt,wobei mein Mann von seinem Vater ein Frühstücksgeschirr für sechs Personen erhielt, das ich heute noch stolz in einer meiner Vitrinen zeige.

Ungefähr um dieselbe Zeit stiftete mein Urgroßvater einen großen Teil seines Landbesitzes dere Stadt Halle an der Saale zur Nutzung für die Öffentlichkeit. Ein Teil davon wurde unter anderem zur Einrichtung eines zoologischen Gartens, öffentlicher Parkanlagen und für die Errichtung von städtischen oder staatlichen Bauten genutzt. Mehr als ein Viertel der Stadt Halle ist auf diesem Grund und Boden gebaut worden. Der Deutsche Kaiser empfing meinen Urgroßvater persönlich und verlieh ihm den Ehrentitel Kommerzienrat. Ausserdem vermachte eine unverheiratet gebliebene Großtante 1943 vor ihrem Tode ihren gesamten Landbesitz dem Staat (10,000 Morgen, davon 3,000 Morgen Wald und 7,000 Morgen fruchtbares Ackerland) in der Nähe der Stadt Magdeburg südwestlich von Berlin. Diese Schenkung enthielt eine Klausel, die besagte: "Sollten zu irgendeiner Zeit Teile dieser Landschenkung für private Zwecke genutzt werden, wäre die gesamte Schenkung für null und nichtig anzusehen und müsste an die fünf existierenden Zweige der Familie zurückfallen."

1990, als die Berliner Mauer fiel, konnte einer meiner Vettern, dessen Sohn Rechtsanwalt war, beweisen, dass Teile dieser Landschenkung für private Zwecke genutzt worden warren. Nach einem langwierigen Rechtsstreit erhielten die fünf Zweige der Familie, ich inbegriffen, eine Bescheinigung darüber, dass wir nun die rechtmäßigen Erben eines Landbesitzes seien. Zu der Zeit, als das Testament gemacht worden war, belief sich der Wert des Besitzes auf 60 Millionen Dollar. Heute, nach mehr als fünfzig Jahren, hat sich der Wert auf weniger als die Hälfte verringert. Das Land wurde immer nur wirtschaftlich ausgebeutet, aber nichts wurden neu investiert. Und es ist trarig zu sagen, wir, die Erben haben nie einen Pfennig davon gesehen und werden wohl auch nie einen bekommen. Mit immer neuen Ausflüchten wegen der Verzögerung sichert sich wahrscheinlich die linke Regierung große Profite. Es ist schwierig, dagegen rechtlich vorzugehen, und die Verantwortlichen wissen das.

Obwohl wir gerne unserer Tradition folgen und Land stiften würden, gibt es in unserem Fall einen Unterschied: Der Reichtum unserer Vorfahren ging innerhalb einer Stunde verloren, als wir im Winter 1945 bei eisigen Temperaturen von -20 degrees Celsius vor den russischen Panzern flohen. Wir wurden in Berlin ausgebombt und in Deutschland von den Russen enteignet. Von unserem Reichtum blieb nichts weiter als ein paar Koffer, mit denen wir nach Amerika kamen. Durch den Krieg war unser Besitz "vom winde verweht". Unsere Schenkung ist deshalb das Werk unserer Hände, und das mag sogar noch bedeutungsvoller sein. Unsere Tradition ist die Familienehre.

Aber warum, mag man sich fragen, ist es mein Wunsch, dass meine Schenkung an die NDSU Libraries gerade der Germans from Russia Heritage Collection zugutekommt? Die Antwort lautet: Als ich 1941 heiratete, folgte ich meinem Mann su seinen Besitz im Warthegau. Dies war der östliche Teil Deutschlands, der nach dem Ersten Weltkrieg durch den Versailler Vertrag an Polen gefallen war. 1939 gewann ihn Hitler zurück. Er schloss damals einen Pakt mit Stalin über die Rückführung der Russlanddeutschen "in die alte Heimat" und in unser Gebiet, den Warthegau. Mein Mann war freiwillig bei ihrer Neuansiedlung behilflich, und ich unterstützte ihn dadurch, dass ich diese Menschen besuchte und tröstete und ihnen Mut zu machen versuchte. Ich habe davon in allen Einzelheiten in meinen Memoiren: "Refugees - One of Many" berichtet, die von der Germans from Russia Heritage Society, in "Heritage Review", Teil 1, Dezember 1981 und Teil 2, Februar 1982 veröffentlicht wurden. Sie können bei Varisty Mart, Memorial Student Union, NDSU, bezogen werden.

Die deutschen Flüchtlinge aus Russland bedurften unserer Unterstützung in jeglicher Weise, denn ihre Enttäuschung war zu schwer zu ertragen nach alledem, was sie erhofft und erwartet hatten. Hätten sie die Wahl gehabt, so wären sie auf der Stelle zurückgekehrt. Aber eine Rückkehr war nicht möglich. Ähnlich fanden auch ihre Vorfahren, die dem Ruf Katharinas II. von Russland auf Grund von zehn speziellen Privilegien für deutsche Kolonisten gefolgt waren, um ihr riesiges Imperium mit ihren Kenntnissen und Fähigkeiten voranzubringen, dass es kein Zurück gab. Ich hatte großes Mitleid mit ihnen, ohne zu wissen, dass mir vier Jahre später ein ähnliches Schicksal bevorstand. Auch für gab es kein Zurück.

Mein Mann war zur deutschen Wehrmacht eingezogen worden, als meine Nachbarn und ich im Winter 1945 bei Temperaturen von -20 degrees Celsius fliehen mussten. Mein Nachbar mit seiner Frau und seiner Tochter, eine weitere Mutter mit zwei Kindern und ich brachten einen Trek von dreiundsiebzig Planwagen, die hauptsächlich mit Russlanddeutschen besetzt warren, auf Nebenstraßen in Sicherheit.

Als ich für die Ausgabe von Textbüchern am Varsity Mart an der NDSU zuständig war, sagte man mir, dass ich berechtigt sei, an unentgeltlichen Universitätskursen zeilzunehmen. Die Universität hatte einen neuen Abendkurs über das Erbe der Russlanddeutschen eingerichtet, den Mr. Timothy J. Kloberdanz, später Dr. Kloberdanz, mein Fakultätsberater, betreute. Nachdem ich seit mehr als vierzig Jahren keinen Unterricht mehr besucht hatte, glaubte ich, dass dies ein guter Anfang für mich sei, zumal da mir das Thema vertraut war. Als ich Mr. Kloberdanz über meine Erfahrungen mit Russlanddeutschen berichtete, drängte er mich, alles aufzuschreiben, denn bis zu diesem Zeitpunkt kannte man nur den Blickwinkel der Einwanderer nach Amerika. Ich schrieb meine Memoiren nieder, die später für eine Veröffentlichung in Frage kamen. Neben einem Literaturpreis, dem Joseph S. Height Memorial Literary Award 1982, erhielt ich sieben positive Zuschriften für die beiden Teile meiner Erinnerungen.

Dieser Abendkurs war der Beginn eines neuen "Schulanfangs" für mich und für die Arbeiten zum Erwerb eines akademischen Grades. 1981 war es der Bachelor of Art, und nach einem weiteren Studium 1986 der Master of Art. Als textbook manager am Varsity Mart hatte ich mit Professoren zu tun und wollte bei ihnen nicht als "gewöhnliche" Hausfrau gelten, zumal da das Wort "gewöhnlich" im Deutschen abschätzig klingt. Darüber hinaus erstrebte ich nichts, da ich in Deutschland eine sehr gute Schulbildung genossen hatte. Ich wollte lediglich ein Zertifikat haben, etwa so wie die Vogelscheuche im "Zauberer von Oz".

Völlig neu für mich jedoch war, was ich über das Land Nord Dakota erfuhr. Allmählich begriff ich, was für ein ungewöhnlicher und interessanter Staat das ist: entweder sehr trocken oder sehr nass, entweder sehr heiss oder sehr kalt. Und die Natur, Menschen, Tiere und Pflanzen verhalten sich dementsprechend. Die faszinierenden Dinge, die ich über Dakota erfuhr, brachten mich auf den Gedanken, das Land sozusagen "auf die Landkarte zu setzen" und Reisende aus aller Herren Länder nach Dakota zu bringen. Übrigens, eine zusätzliche wirtschaftliche Quelle für Nord Dakota könnte ein kleines Dankeschön von meiner Familie und von mir dafür sein, dass man uns eine neue Heimat und Arbeit gegeben hatte. Meine Idee war, Touristen aus Europe dafür zu gewinnen, einen Drei-Tage-Besuch in Dakota einzuplanen, wenn sie bei ihren Reisebüros eine Reise New York-San Francisco buchten. Sie sollten mit dem Flugzeug nach Fargo kommen, und von dort aus mit Bussen bestimmte historische Stätten wie Schlachtfelder, Handelsstützpunkte und militärische Forts auf dem Weg nach Bismarck und zum dortigen indianischen Freilichtmuseum besuchen. Danach würden sie zu ihrem Ziel an der Westküste weiterfliegen.

Alle Einzelheiten hatte ich ausgearbeitet, wie Broschüren, Hotels, Preise, Busse, Studenten mit Fremdsprachenkenntnissen als Reiseführer, dazu Orientierungschilfen und Erläuterungen der Sehenswürdigkeiten. Als ich mich mit dem staatlichen Tourismusmanager darüber bereit, war er begeistert von meiner Idee, Dakota als lohnendes Reiseziel zu präsentieren, das über das sonst lediglich landwirtschaftliche Interesse hinausging. Von meinen Reiseerfahrungen aus aller Welt wusste ich, dass wir hier eine einmalige Verbindung kultureller Schätze haben, die man vorzeigen könnte. Nun tut es mir leid, sagen zu müssen, dass meine diesbezüglichen Pläne für Dakota nicht in die Tat umgesetzt wurden, weil ich nicht genügend Zeit fand, während ich in Berlin war, Einzelheiten mit Reiseagenturen auszuarbeiten. Aber die Idee bleibt bestehen und könnte immer noch in Anfriff genommen werden.

von 1971-1974 fuhr ich allein nach Berlin, um dort meine Mutter in einem Pflegeheim zu besuchen. Da wir damals nicht viel Geld hatten und ich nur eine Teilzeitarbeit hatte, schloss ich mich den "Sons of Norway" für einen weniger teueren Flug an. Ich kaufte auch einen Eurail-Pass zum Preis von 230 Dollar für drei Wochen unbegrenzte Eisenbahnfahrt durch Europa, der nur für die 1.Klasse oder einen Studentenausweis erhältlich war, und der es mir ermöglichte, dreizehn Länder in allen Himmelsrichtungen zu besuchen. Entweder zu Beginn oder am Ende meines Berlinaufenthalts hielt ich mir drei oder vier Tage für meine eigenen Umternehmungen frei. Für weite Entfernungen nahm ich Nachtzüge und schlief in meinem Abteil l.Klasse, das immer leer war, weil Reisende der 1.Klasse gewöhnlich in einem Hotel übernachten. Ich aß auch nicht in Restaurants, sondern besah mir die Welt - wenigstens teilweise - billig mit einer Flasche Mineralwasser unter einem und einer Stange französischem Weissbrot unter dem anderen Arm. Später, als sich unsere Einkünfte etwas verbesserten, reiste ich mit Gruppen, denn es gab Länder, in denen Frauen nicht allein reisen sollten. Aber es machte mehr Spaß, den mühsamen Weg zu wählen. Und für eine Herausforderung war ich immer zu haben! Es vergingen einige Jahre, bis ich über die Zeiten von 1929-1950 und später zu berichten begann. Der Titel gibt in verkürzter Form den alten deutschen Spruch wieder:

"Und handeln sollst du so, als hinge von dir und deinem Tun allein das Schicksal ab der deutschen Dinge und die Verantwortung sei dein."

Ich habe das Manuskript auf Deutsch geschrieben, aber noch nicht veröffentlicht. Im Augenblick übersetze ich den Text ins Englische. Dieses Buch zeigt die Geschichte aus einer völlig anderen historischen Perspektive; aber ich muss mit der Veröffentlichung noch warten, da vorläufig die Leser vielleicht noch nicht bereit sind, Dinge zu erfahren, die von der gängigrn Anschauung abweichen. Ich hatte gehofft, von den Einnahmen dieses Buches eine Stiftung zum Andenken meines Mannes zu machen. Diese Stiftung wäre jedoch für wissenschaftliche Untersuchungen für Kartoffeln verwendet worden, denn mein Mann war auf diesem Gebiet als Techniker für Agrarforschung im Department für Landwirtschaft an der NDSU beschäftigt.

Aber dann hatten wir im letzten Jahr die Überschwemmung des Jahrs 2000. Fargo wurde stark in Mitleidenschaft gezogen, sowohl im Norden als auch im Süden der Stadt; die NDSU Library war jedoch am schlimmsten betroffen. Hier war Hilfe vonnöten, und eine Schenkung im Namen meines Mannes würde dort hochwillkommen sein. Und so schließt sich mit dieser Schenkung der Kreis. Mein Leben als Udos Ehefrau begann im Warthegau mit der Wiederansiedlung von Russlanddeutschen. Deshalb scheint mir eine Schenkung zum Andenken meines Mannes sinnvoll zu sein, die einer Sammlung für die Dokumentation und Bewahrung von Quellen zur Kultur und Geschichte derjenigen Menschen dient, mit denen uns so viel verbindet. Und für mich und meine Familie ist es eine Rehabilitation. Dass Ehre mehr ist als Geld und die Güter dieser Welt: die Tradition ist unsere Familienehre.

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