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Antworten für das Interview mit
Marianne Gross

Interview text provided by Maria Schamm, Bad Mergentheim, Germany, May, 1995


1. Gross, Marianne, Geb. 19.1.1893 in Jeremewka b. Odessa.

2. Bischof, Anton, gewohnt in Franzfeld bei Odessa.

Er starb den Hungertod 1947 in der Verbannung in Sebirien.

3. Reis, Maria, ihre Familie lebte in Odessa a. Schwarzen Meer. Sie verbrannte 1948 beim kochen am offenen Feuer im Freien in den Steppen Sibiriens.

4. Ich hatte 7 Geschwister: Katharina, Anton, Rudolf, Anna, Karl, Theodor, Rosa.

5. Meine Mutter lebte mit Eltern u. Geschwistern in gutsituierten Verhältnissen in Odessa. Die Kinder wurden im Katholischen Glauben erzogen. Sie betrieben eine Wagnerei.

6. Mein Vater verbrachte seine Jugend in Franzfeld bei seinen Eltern. Die selbständige und wohlhabende Bauern waren.

7. Besondere Geschichten sind mir nicht bekannt.

8. Mein Heimatdorf hieß: Jeremejewka zu Deutsch: Bischofsfeld. Mein Dorf war von ca. 50 deutschen Familien bewohnt, vorwiegend Bauern mit 20 - zu 100 Desjatinen eigenes Land. Im Dorf gab es einen Dorfschulzen, einen Schuster, einen Schmied, eine Ohlmühle, eine Getreidemühle und einen Krämerladen. Auch eine Dorfschule gab es mit 4 Klassen, der aber nur ein Lehrer vorstand. Das herausragendste Gebäude war die Kath. Kirche mit ihrem hohen Turm und einem Kreuz darauf. Die Bewohner des Dorfes waren alle gläubige Katholiken.

Die Häuser, aus Stein gebaut, wurden mit Ziegeln oder Schilfrohr bedeckt. Sie standen rechts und links an einer breiten, geraden Dorfstraße, die unbefestigt war. Die Häuser lagen hinter einer ein Meter hohen Mauer, die jährlich geweißelt wurde. Vor jedem Haus standen ein oder mehrere Bäume, vorwiegend Akazien, die im Frühsommer bei der Blütezeit betörend süßlich dufteten. Auch Maulbeerbäume gab es.

9. Es gab eine römisch katholische Kirche, die wir jeden Sonntag besuchten. Betreut wurde die Kirche von einem Pater vom Jesuitenorden.

10. Mein Elternhaus war aus Natursteinen gebaut und besaß ein Ziegeldach. Es war einstockig, wie alle anderen Häuser auch. Der Eingang erfolgte über ein Vorhäuschen mit bunt verglasten Fenstern. Über dem Flur ging es gerade zur Eßküche. Der Herd war aus feuerfesten Steinen gemauert und besaß vier Feuerlöcher. Links vom Flur befand sich die Wohn - Schlafstube. Nebenan nochmals eine weitere Schlafkammer. Rechts vom Flur war eine Kammer für die Kinder. Sowohl der Brunnen, als auch die Toilette waren außerhalb im Hof.

11. In der Familie wurde nur deutsch gesprochen.

12. Ab dem 6. Lebensjahr mußten wir auf dem Feld mitarbeiten. Im Haushalt habe ich gerne mitgeholfen. Weniger gerne habe ich Wasser für die Feldarbeiter getragen. Da wir immer barfuß gingen wurden unsere Füße von den Getreidestoppeln und Schuhnägeln (Dornen) geschunden.

13. An eine wohlbehütete, schöne Kindheit, obwohl die Erziehung streng war.

14. Ich besuchte ab dem 7. Lebensjahr 3 Klassen der Dorfschule. Die Prügelstrafe und das Eckestehen mit erhobenen Armen waren üblich. Gut erinnere ich mich noch, daß vor Unterrichtsbeginn für die Zarenfamilie gebetet wurde. In der Schule hing das Zarenbild. Fächer: Lesen, Schreiben, Rechnen u. Kirchenlehre. Geschrieben wurde in altdeutscher Schrift (gotisch).

15. Ja.

16. - 20. Siehe Extrabeiträge: Sitten und Bräuche.

21. Gekocht wurde deftige Bauernkost: Sauerkraut mit Fleisch und Kartoffeln, allerhand Suppen und Eintöpfe (z.B. Bortsch). An Teigwaren gab es Dampfnudeln, mit Kartoffelbrühe, Mamlika (Maisgericht) Gefüllte Maultaschen (mit Kürbis) u. ä.Zu jeder Mahlzeit gab es selbstgebackenes Brot und Rotwein aus eigenem Anbau.

22. Es wurde musiziert, wir besaßen eine Fußorgel.

23. Außer der Fuβorgel noch Harmoschka (Handharmonika).

24. In unserem Haus wurde viel und gern gesungen. Wir waren alle Mitglieder des Kirchenchores, wo wöchentlich geprobt und während des Gottesdienstes an den Hochfesten sechsstimmig gesungen wurde. Wir hatten einen begabten Chorleiter. Der Chor bestand aus ca 30-40 Sängerinnen und sänger.

25. Ich erinnere mich noch an viele deutsche Lieder, an Kirchliche wie auch an weltliche Volkslieder.

26. Ja, von: "Schön ist die Jugend" bis zum traurigen Beerdigungslied: "Das Schicksal wird keinen verschonen" kann ich noch viele Lieder singen.

27. Versteckspielen, Fangspiele, Bebels (letzteres beigefügt).


28. Ja, vorwiegend Gebr. Grimms - Märchen: Der Wolf u.d. 7 Geißlein, Rotkäppchen und der Wolf, Aschenputtel, Dornröschen u.v.a.

29. Siehe Beilage: Sitten und Gebräuche (Bräuche).

30. Hausmittel gab es sehr viele gegen allerlei Krankheiten. Da der Arzt etwa ca 20 km entfernt war und nur bei schweren Krankheiten geholt wurde, war man auf Hausmittel angewiesen. Z.B. Kneippgüsse, Heiße und kalte Wickel, heiße Kartoffelumschläge gegen Halsbeschwerden, Wadenwickel gegen hohes Fieber, Wermutabwaschungen, Petroleumeinreibungen gegen Rheumatismus u.v.a. mehr.

31. Brauchen (besprechen) z.B. bei Warzen. Meine Mutter war aus heutiger Sicht eine Heilpraktikerin. Sie konnte vielen Kranken mit Rat u. Hilfe zur Seite stehen. Sie konnte auch viele Beschwerden abhelfen mit selbst zugefertigten Salben und Tinkturen.

32. Die meisten Handwerker vererbten ihren Beruf an die Kinder weiter. Das besondere Wissen blieb so der Familie erhalten.

33. Nein, Der bauer blieb Bauer.

34. Sieh Beilage: Sprichwörter und Redewendungen.

35. Nein, keine Zeitungen.

36. Ist durch die Beilage: Sitten und Bräuche beantwortet.

36. Ja. Frauen: lange, weite Röcke, eng anliegende Jäckchen mit Schößchen, Spitzenverziert, mit Trasseln versehene bunte, seidene Schultertücher. Hüte kannte man nicht. Im Winter trug man warme Kopftücher, als Handschuhe hatte man einen Muff, an den Füßen kniehohe Schnürstiefelchen.

Männer: trugen keine Trachten, nur normale, Jacken u. Hosen u. auch im Sommer Schildmützen. Im Winter der Kälte wegen Pelzmäntel und Pelzmützen. Im Sommer Reitstiefel, meist ging man barfuß, im Winter Filzstiefel.

38. Bei uns wurde nur Dialekt gesprochen, Pfälzisch - Elsässisch.

39. Kommunionsfeier (zum Nachtmahlgehen).

40. Ja, es war aber keine Berufshebamme, sondern eine erfahrene u. vertrauenswürdige Mutter.

Zu Frauenfragen:

41. Bei uns mußten alle Töchter handarbeiten wie: Nähen, Stricken, Flicken und Schafwolle spinnen. Auch wurde viel gebastelt aus Stroh, Weiden und Maislaub.

42. Ja, meine Mutter war Hausschneiderin und hat es ihren Töchtern beigebracht.

43. Ja, wir nähten unsere Kleider selbst, die Stoffe brachten jüdische Händler aus Odessa, die regelmässig in unsere Dörfer kamen. Auch getragene Kleider wurden oft umgearbeitet. Es herrschte Sparsamkeit.

44.Melken war Frauensache, Jungvieh füttern, wie auch Federvieh, auch Enten und Gänse, letztere wegen den Bettfedern, wurden von den Frauen besorgt. Das Weißeln (mit Kalk) der Wohnräume, Fenster und Dielenböden, Streichen, Tapezieren der guten Stube.

45. Anmerkungen:

Die Befragte, meine Mutter, kann leider nicht mehr unterschreiben, da sie in der Zwischenzeit verstorben ist. Alle Angaben sind wahrheitsgemäß von mir, der Interviewerin, aufgezeichnet worden, als ich ihr bewegtes Leben in "Wenn ich an meine Mutter denke", niederschrieb. Sie lebte bis zu ihrem Tode im 98. Lebensjahr in unserer Familie und hat uns immer wieder aus ihrem Leben, der Kindheit und Jugend sowie von Bräuchen und Sitten in ihrer Heimat, erzählt.

Osterbrauch der Volksdeutschen in Rußland in der ländlichen Gegend um Odessa bis zum

Jahre 1930/32

Meine Mutter, 93, erinnert sich.

Eines der Höhepunkte im kirchlichen Jahr und von den Kindern sehnlichst erwartet, war das Osterfest. Die 40 tägige Fastenzeit, wurde strengstens ein gehalten. Keine Süßigkeiten, keine scharfe Sachen und die Freitage fleischlos. Tanzen und heiraten war in dieser Zeit auch verboten. Wir waren da alle sehr froh, als endlich der Karfreitag kam. Zwar war dieser Tag der strengste Fastentag, aber es tat sich wenigstens etwas. Da am Karfreitag die Glocken nicht geläutet werden durften, freuten wir uns auf das Rätschen, welches bei uns 3 Mal am Tage durchgeführt wurde. Es waren dies Buben von 10-15 Jahren, die mit ihren Rätschen in aller Früh durchs Dorf zogen und die Einwohner mit folgendem Text weckten:

Am Morgen:

Hört ihr Leut `s isch Taglochzeit die Uhr hat 5 geschlagen.
Es fängt schon an zu bleichen für die Armen und die Reichen.

Am Mittag:

Hört ihr Leut `s Mittagszeit die Uhr hat 12 geschlagen.

Am Abend:

Hört ihr Leut `s isch Bettlochzeit
die Uhr hat 10 geschlagen.

Am Samstagnachmittag nach dem letzten Rätschen gingen dann die Buben von Haus zu Haus und baten mit folgenden Worten um eine Gabe:

Wir haben gerätscht für das heilige Grab
drum bitten wir um eine Gab
Nicht so groß und nicht so klein
dann wollen wir auch euch recht dankbar sein.

Der große Weidekorb, den sie mit sich trugen füllte sich immer mehr mit allerlei guten Sachen: Bunte Ostereier, Kuchen, Brot und Speck.

Die Kinder waren ihrerseits den ganzen Tag mit dem Bauen von Osterhasennestchen beschäftigt. Im Hof gruben sie tellergroße Mulden in den Boden und polsterten sie mit weichem Gras aus. Ein langer Weg führte zu dem Nest, der ebenfalls mit Gras bestreut wurde, damit sich der Osterhase ja nicht verletze.

Nachts um 12 Uhr ging es dann zur Auferstehungsfeier, die Messe wurde on einem 6  stimmigen gemischten Chor feierlich umrahmt. Am Sonntagfrüh, kaum war die Sonne aufgegangen, weckte uns Mutter mit dem Ruf: "Kinner, steht uff, der Osterhas war do!"

Wir eilten mit nackten Füßen zu unseren Osternestchen und wirklich er war da! Bunte Eier, Zuckersteinle und allerhand Kleingebäck lagen im Nestchen, ja sogar auf den Wegchen hatte er einige Süßigkeiten verloren. Nach einem reichlichen Frühstück, als Ostergebäck gab es Baska, (scheins von den Russen übernommen) ein in einer dosenähnlichen Backform gebacken er Bisquittkuchen. Torten gab es nie, ging es wieder zur Kirche.

Hier traf man viele Verwandte und man machte es miteinander aus wer morgen am Emaustag zu wem kam. Als Mittagessen gab es wieder die obligatorische Hinkalasupp mit gewürzt wurde diese unter anderem mit Zimt, dazu aß man einen süßen Rosinen zopf. Danach gab es gefüllte Hühner mit Reis und Kartoffelbrei. Breite Nudeln waren nicht so beliebt. Am Nachmittag gin gen und kamen dann die Patenkinder zu ihren Paten und wurden da ebenfalls mit süßen Sachen beschenkt, d.h. für sie war da auch ein Osternest bestickt worden.

Am Ostermontag, dem Emaustag war dann der große Besuchstag. Von weither kamen Verwandte oder man fuhr mit dem Fuhrwerk zu ihnen. Da wurde viel gegessen, getrunken und sehr viel geredet. Man sah sich ja so selten, wenn die Verwandten weit weg wohnten. Am späten Abend fuhr man dann, um einige Neuigkeiten reicher wieder heim.

An solchen hohen Feiertagen durfte man nur das allernötigste tun. Im Stall nur melken und füttern, nicht mal ausmisten durfte man, das war eine Sünde. So war es auch im Haus. Kochen, spülen, und Betten machen alles andere mußte liegen bleiben, riß mal ein Knopf von der Sonntagsgarderobe ab, so durfte man ihn auf keinen Fall an dem Tag annähen. Bald nach der Kollektivisierung gingen all diese strenge Sitten auch in den kleinsten Dörfern abhanden und Vieles war auch gut so.

Weihnachtsbräuche

In den deutschen Dörfern Wiesental (Brinowka) und Bischofsfeld (Jeremejewka) bei Odessa bis anfangs der 30 ger Jahre.

Wie wohl in allen christlichen Gemeinden, so war auch für uns Kinder, wir waren7 Geschwister, die vorweihnachtliche Zeit eine sehr schöne, erwartungsvolle Zeit. Schon Wochen vorher, wurde von unserer strengen Mutter die Warnung ausgesprochen: “ Wanner nit brav seid, no bringt eich s’ Christkindla nix.” Wir versuchten nun, so gut es in diesem Alter gelang, recht brav und folgsam zu sein. So konnten wir es kaum erwarten und fragten jeden Morgen: “Wieviel Mol missemer noch ausschlofea bis s’ Christkindla kummt?”

Nun duftete das ganze Haus nach herrlichen Gewürzen. Als wir unsere Mutter fragten, woher den dieser köstliche Duft käme, sagte sie, das Christkind wäre da gewesen und hätte sich bei ihr erkundigt, ob wir auch recht brav seien. Alles, was sich um das nahende Fest handelte, wurde von uns Kindern geheim gehalten. Es gab kaum noch unverschlossene Truhen und Schränke. Das geheimnisvolle Getue war die aufregendste und die schönste Vorfreude. Endlich war er da, der Heilige Abend!

Nach einem bescheidenem Mittagessen, meist gab es nur eine Suppe, wurden wir Kinder der Reihe nach einer Reinigungsprozedur unterzogen. In die Mitte unserer geräumigen Wohnküche, wurden zwei - drei Wäschkiwl (Waschzuber) auf den Boden gestellt und mit warmem Wasser, welches vorher in großen Töpfen auf dem Herd erhitzt wurde, gefüllt. Zuerst kamen die Kleineren an die Reihe. Man saß zu zweit oder zu dritt im Wäschkiwl. Nun wurden wir so richtig geschrubbt. Das schlimmste war die Haarwäsche mit scharfer, selbstgekochter Kernseife. Bei den Kleinen ging es nie ohne Tränen ab. Der darauf folgende kalte Kneipp - guß war nicht weniger unbeliebt und wurde trotz heftiger Proteste unsererseits, von unserer Mutter durchgeführt. Der sei so gesund, war ihr Kommentar dazu.

Als wir dann alle frisch gebadet und gekämmt waren, bekamen wir unsere Sonntagskleider angezogen und durften in die gute Stube. (Weihnachtsbäume waren in jener Zeit noch unbekannt). Auch hier war alles auf Hochglanz. In den meisten Stuben in unseren Dörfern war Dielenboden, der von den Hausfrauen mit Lackfarben selbst gestrichen wurde. Wir setzten uns nun recht artig um den großen Familientisch und je weiter der Abend voranschritt, um so ängstlicher schlugen unsere kleinen Herzen. Meine Brüder, die sonst zu allerlei Unfug bereit waren, waren an diesem Abend auffallend kleinlaut. Immer wieder liefen sie in Richtung "Stilles örtchen". Nach getaner Arbeit in Küche und Stall kamen auch die älteren Geschwister und die Eltern zu uns in die Stube. Mutter las uns aus der abgegriffenen “Bibels – Geschicht” die Weihnachtsgeschichte vor. Anschließend beteten wir knieend den Rosenkranz. Dann war es so weit.

Draußen hörte man Schritte, danach den Ton eines Glöckleins. Die Schritte kamen, im knirschenden Schnee, näher. Das Glöcklein klang jetzt hell und silbern an unser Ohr. Plötzlich wurde mit einem Reisgbündel an unser Fenster geschlagen. Mutter ging ans Fenster, öffnete es und rief hinaus:" Wer isch drauß?" Eine helle Stimme antwortete: " Das Christkind ist vom Himmel gekommen, für die Sünder und die Frommen. Einlaß bitte, begehren wir, denn recht kalt ist es hier draußen vor der Tür."

Mutter antwortete freundlich: "Ja, kummt nur, kummt nur rein, s’ Christkind soll uns recht willkommen sein." Sie öffnete die Tür. Ein Schwall eiskalter Luft, war das erste, was wir verängstigte Kinder wahrnahmen. Dann ein Gemurmel, ein Gestampfe (man klopfte sich den Schnee von den Stiefeln), dann sahen wir das Christkind. Im strahlenden Weiß stand es in der unter Stubentür. Es trug ein weißes, bis zum Boden reichendes, Spitzenkleid. Ein weißer Spitzenschleier bedeckte sein Gesicht und auf dem Kopf trug es ein Kränzchen aus weißen Wachsblumen. Die Hände steckten in langen, weißen Handschuhen. Mit dem Gruß: "Gelobt sei Jesus Christus" traten alle ein und wir antworteten mit: "In Ewigkeit Amen!" Dem Christkind gaben vier Jungfrauen das Geleit. (junge Mädchen aus dem Dorf). Dann kam der Belzenickel. Als Bekleidung hatte er einen umgewendeten Pelzmantel an, sein Gesicht war durch Ruß und falschem Bart unkenntlich gemacht worden. In der Hand trug er ein Rutenbündel. Dann war da noch das “Esela”. Es wurde von einem jungen Burschen, dem man eine graue Decke umgehängt hatte, dargestellt. Er ging in gebückter Haltung und auf den Kopf hatte man ihm einen “Eselskopf” mit einem großen Maul aufgesetzt.

Nun trat ein Kind nach dem anderen vor das Christkind. "Warst du auch immer brav und kannst du auch beten?" Dies schien das Einzige zu sein, was das Christkind in der Menschensprache sagen konnte, denn es hat alle meiner Geschwister dieselbe Frage gestellt. Als wir das bejahten und auch Mutter dem zustimmte, sprachen wir noch ein Gebet und dann endlich bekamen wir die Geschenke. Bei meinen Brüdern ging es nicht immer so glatt vor sich. Da hatte Mutter dem Christkind doch einiges zu klagen und auch mit dem Vorbeten klappte es nie so recht, so daß der Belzenickel schon mal seine Rute schwingen durfte. Geschlagen wurde aber nicht. Dann durften wir Kinder das “Esela” füttern. In sein weit aufgesperrtes Maul gaben wir Lebküchl - rein und waren glücklich, als es sich dafür recht artig bedankte, indem es mit dem Kopf nickte und mit den Füßen am Boden scharte. Die Erwachsenen bekamen keine Geschenke. Das Christkind mit seinem Gefolge verabschiedete sich, nachdem ihm Mutter auch einen entsprechenden “Lohn” zukommen ließ. Wir Kinder konnten uns nun mit unseren Geschenken beschäftigen.

Es gab nicht viele Geschenke vom Christkind. Für die Mädchen gab es Puppen und eine Wiege dazu, für die Buben Pferdchen mit einem Wagen aus Holz. Die Puppen waren selbstgemacht und was für Puppen das waren! Jedes Jahr, einige Wochen vor Weihnachten, waren unsere alten Puppen verschwunden. Zu Weihnachten brachte sie uns das Christkind wieder, mit neuen Kleidern, neuen Schuhen aus Stoff oder gestrickt. Was uns aber am meisten neugierig auf Weihnachten machte, war, welche Puppen kommen dieses Jahr dazu? Ein kleines Mädchen, ein Bub? Eine Mann, richtige, große Schwester “geheiratet hat”. Auch eine Großl und Großvater gab es. Eine richtige, große Familie gab es. Die Wiege war so groß, daß man sämtliche Puppen hineinlegen konnte. So konnte man unendlich lange mit diesen Puppen spielen ohne andere Geschenke zu vermissen. Dann bekam noch jedes Kind ein “Karwla” (Körbchen). Aus Karton wurden kleine runde Körbchen gefertigt mit einem Henkel dran und mit buntem Glanzpapier beklebt. Das Karwla wurde dann mit selbstgebackenem Lebkuchen, mit “Zuckersteinla” (Bonbons) und Nüssen gefüllt.

Wir saßen auf dem Boden, spielten mit unseren Puppen und den Pferdegespannen und sprachen den Leckereien aus dem Karwla reichlich zu, zumal es das ganze Jahr über kaum etwas zum Naschen gab. Bald danach mußten wirt Kleinen ins Bett, die Eltern und die älteren Geschwister gingen um Mitternacht zur Christmette.

Die Christmette wurde sehr feierlich mit einem sechstimmigen Kirchenchor umrahmt. Als man dann ausgefroren, in den Kirchen wurde ja früher nicht geheizt, von der Christmette nach Hause kam, wartete im Ofen ein köstlicher Schinken im Brotteig.

Am anderen Morgen ging es dann wieder in die Kirche, dies Mal durften auch die Kinder mit. Zu Mittag gab es eine Rindfleisch- oder Hühnersuppe, mit selbstgemachten feinen Suppennudeln. Dazu aß man einen süßen “Raseinleskuchen” (Rosinenkuchen). Die Suppe wurde mit Zimt gewürzt. Als zweiter Gang gab es Schweine- oder Rinderbraten, manchmal auch Kotteletten (Fleischküchlein) mit Grumbeerenstampfer (Kartoffelbrei mit Milch, Mehl und Butter gut geschlagen, so daß er leicht und luftig war). Vor dem Essen wurde von den Erwachsenen immer ein Schnaps getrunken. Zum Essen trank man Eigenbauwein. Die beliebtesten Kuchen waren Käse-, Riwela (Streussel) und Zuckerkuchen. Nachmittags gingen die Kinder zur Göttl (Patin) oder Vetter (Pate) und wünschten ihnen wie folgt das Fest an: "Ich wünsch eich a frohi Weihnacht." Man freute sich sehr, wenn man auch hier etwas geschenkt bekam, was nicht immer der Fall war. Dann mußte Mutter zu Hause tröstend einspringen. Die Zeit vom Heiligen Abend bis zu den Heiligen drei Königen nannten wir die “Heilige Zeit”.

Neujahr war dann noch mal ein Höhepunkt, vor allem für die jungen Burschen. Sie zogen singend durch das Dorf, blieben da und dort vor einem Haus stehen, immer da wo es junge Mädchen gab und schoβen einige Salven in die Luft. (Gewehre hatte man in jedem Haus zwecks Selbstverteidigung.) Dabei riefen sie: "Wir wünschen euch ei glückseligs neies Johr!" Viele Fenster wurden geöffnet und die Gratulanten bekamen einen kräftigen Schluck zum Aufwärmen.

Diesen Brauch sah der Herr Pfarrer nicht so gern und wetterte auch jedes Mal von der Kirchenkanzel über diese Unsitte. Auch manche Eltern, deren Söhne danach betrunken nach Hause kamen, standen auf des Pfarrers Seite. Am Nachmittag des neuen Jahres, gingen wir Kinder zu den Verwandten. Mit: "Ich wünsch eich Glick uffs neie Johr, a Bretza wie a Hofdor, a Zuckerstanla wie a Dischplatt. Gebt mer ebbs, no geh ich fort." Oder: “Ich wünsch eich a glickseelich neies Johr, Gsundheit, langes Lewa un alles was eich lieb isch” wünsch wir ihnen das neue Jahr an.

In diese Zeit ging man viel in die Mastubb (Vorsetz), wo man sich viel zu erzählen hatte. Man holte nach, was man das ganze Jahr über wegen Zeitmangel versäumt hatte. Auch die jungen Leute trafen sich am Abend, abwechselnd immer in einem anderen Haus. Man plauderte, scherzte und vor allem, man sang. Es wurde in meiner Heimat sehr viel gesungen. Tanzen war in dieser Zeit nicht erlaubt. Trotzdem war es eine sehr schöne, friedliche Zeit. Die Menschen waren zufrieden und gingen noch mehr aufeinander zu. Mit dem Dreiköningfest ging die “Heilige Zeit”  zu Ende. Das Dreikönigsfest wurde bei uns nicht gefeiert. Vater schrieb mit geweihter Kreide die Buchstaben C + M + B über die Haustüre und die Jahreszahl. (Caspar + Melchior + Balthasar) nach hiesiger Auslegung: XChristus + Mansionum + Benedictat = Christus segne dieses Haus.

Unterschrift: Maria Schumm

Die Geburt

Deutsche Familien, vor allem katholischen Glaubens, waren im alten Rußland sehr kinderreich. Eine Schwangerschaftsverhütung galt in den Augen der Kirche als Todsünde. Weil unsere Vorfahren durchweg gläubige Christen waren, lebten sie auch danach. So waren 20 Kinder in einer Familie keine Seltenheit. Dies allerdings nur bis zu den Jahren 1915-1916. Nachher ließ die Geburtenfreudigkeit merklich nach. Doch, 5-7 Kinder war immer noch der Durchschnitt in intakten Familien.

Die Geburt eines Kindes fand immer zu Hause statt. Ich beschreibe hier nur den Geburtshergang in den Dörfern Z.B. Jeremejevka (Bischofsfeld), Brinovka (Wiesental) bei Odessa.

Ab 1888 gab es schon Hebammen, von den Einheimischen "Dorfgroßl" genannt. Sie hatten eine 3 monatige Ausbildung. Schwangere mußten bestimmtee Regel befolgen. So durften sie Z.B. nirgends durchschlüpfen. Sie sollten alles essen worauf sie Appetit; so sollten sie es essen und wenn es der Dreck war. Weit verbreitet war die Meinung, daß die Schwangere viel Kreide essen sollte. Verboten wurde ihnen Ripple, Menschen mit häßlichen Narben oder Muttermalen anzuschauen. Taten sie es trotzdem, was ja nicht immer zu vermeiden war, so mußten sie befürchten auch ein behindertes Kind zur Welt zu bringen. Es wurde den Schwangeren immer wieder solche Geschichten zur Abschreckung erzählt.

Selbst meine Großmutter, sonst eine nüchterne, vernünftige Frau erzählte uns oft von ihrer Verhexung und zeigte uns ihr Mal. Die Geschichte lautete wie folgt: Als ihre Mutter mit ihr in anderen Umständen war und eines Tages mit Strohwegräumen beschäftigt war bemerkte sie plötzlich in der rechten Schulter ein unangenehmes Kribbeln. Sie faßte hin, und stellte mit Entsetzen fest, daß es eine Maus war. Sie erschrack fast zu Tode und schrie um Hilfe. Aus Furcht die Maus könnte weiter in ihrem Körper herumkriechen, hielt sie sie so lange mit der Hand fest, bis ihr Mann ihr zu Hilfe kam und sie von dem ungebetenem Gast befreite.

Das Resultat davon wissen wir ja bereits. Meine Großmutter hatte bei ihrer Geburt genau dieser Stelle, ein mausen ähnliches Muttermal. Wers glaubt, wir selig, sagt man. Jedenfalls haben wir Kinder es geglaubt und auch viele Erw achsene zu jener Zeit auch, den der Aberglaube war weit verbreitet.

Eine andere Geschichte: Eine junge Frau, ebenfalls schwanger, war allein zu Haus, als sie eine Zigeu nerin besuchen wollte. Aus Angst die Zigeunerin könne ihr Ungeborenes verhexen, ließ sie sie nicht ins Haus und schlug ihr die Tür vor der Nase zu. Die Zigeunerin war darüber dermaßen erbost und sie verwünschte das Ungeborene im Mutterleib. Tatsächlich brachte dann diese Frau ein Kind mit einer häßlichen Nasenscharte zur Welt und alle waren überzeugt, daß es von der Zigeunerin verhext wurde. Kam ein behindertes Kind zur Welt, hatte man immer eine plausible Erklärung dafür. Es war die Strafe Gottes für begangene Sünden.

Die Bestraften waren eigentlich immer die Kinder. Sie waren bedauernswerte Wesen, denn sie wurden ganz und gar von der menschlichen Gesellschaft ausgeschlossen. Sie waren nicht nur eine Schande für die Familie, sondern für die ganze Verwandtschaft. Sie wurden fast ihr ganzes Leben lang versteckt gehalten und oft auch von ihren eigenen Eltern ungeliebt als große Last empfunden.

Dem entsprechend war auch die Pflege; sie vegetierten nur dahin. Fast so ähnlich war auch das Schicksal von ledigen Müttern zu jener Zeit. Konnte das schwangere Mädchen ihren Zustand nicht mehr verbergen und wurde dieser von den Eltern entdeckt, begann für sie ein Matyrium. Erst wurde sie vom Vater oder auch der Mutter unbarmherzig geschlagen. Man nahm überhaupt keine Rücksicht auf ihren Zustand oder gar auf das Ungeborene. Wozu auch? Es war ja ein Kind der Todsünde. Dann mußte sie zum Pfarrer gehen und beichten. Der setzte dann die Buße fest, die wie folgt lautet:

Drei Wochen mußte sie jeden Sonntag in schwarzer Kleidung in de Kirche vor dem Marienaltar knien und mit ausgebreitenen Armen betend für ihre Sünde um Vergebung flehen.

Dieses während des ganzen Gottesdienstes oft bis zu zwei Stunden lang. Auch die ehemaligen Freundinnen wandten sich von ihr ab und wollten von der Sünderin nichts mehr wissen. Brachte sie das Kind ledig zur Welt so mußte sie fortan ganz hinten in der Kirche Platz nehmen bei den alten Großmüttern. Daß sie jeden Sonntag diesem Spießrutenlaufen nachkam, dafür sorgten schon die eigenen Eltern. Welch eine grausame Zeit (die gute alte Zeit unserer Vorfahren und Ahnen).

Und nun zur normalen Geburt. War eine Frau verheiratet und kam in andere Umstände, so wurde sie von allen Seiten mit wohlgemeinten Ratschlägen und Vorsichtsmaßnahmen überhäuft. Von nun an genoß sie eine Sonderstellung in der Familie. Ich beschreibe hier die Gepflogenheiten in gut situierten Familien (Großbauern wie dies die Eltern meiner Mutter waren). Selbstverständlich gab es in jener Zeit auch arme Familien, bei denen man mit einer schwangeren Frau nicht so viel Aufhebens machte. Nahte die Zeit der Geburt so ungefähr 8 Tage vorher, riet man der Schwangeren sie solle Steine in einer Schürze tragen, zur Erleichterung der Geburt. Zog sich die Geburt hin, vor allem bei Erstgebärenden, so wurde die werdende Mutter auf ein Fuhrwerk gesetzt und man fuhr mit ihr stundenlang über holprige Wege und Felder.

Unter der Aufsicht von der Dorfgroßl kam das Kind zur Welt. Sehr selten wurde ein Arzt zugezogen. War dies von Nöten, so kam er oft zu spät, denn Ärzte gab es nur in größeren Wohn- oder Siedlungsbezirken. Infolgedessen starben auch viele Mütter bei de Geburt. Das Neugeborene wurde von nun an von der Hebamme betreut, denn die Wöchnerin mußte unbedingt 8 Tage im Bett bleiben. Sie wurde von fast allen jungen Frauen besucht und auch bewirtet. Die obligatorische Hühnersuppe brachte jeder mit; jeden Tag eine andere. Die Wöchnerin durfte nur leichte Kost zu sich nehmen.

Eine Unsitte gab es aber bei den Gebärenden. So war es gang und gebe, daß sie vor der Geburt reichlich harte Getränke zu sich nehmen, meist selbstgebrannten Schnaps, damit sie die Schmerzen nicht so spüren. Die Kinder wurden durchweg bis zu zwei Jahren gestillt. Es war eine Selbstverständlichkeit, daß eine Mutter, die einmal verreisen mußte, von einer anderen Mutter vertreten wurde, welche ihr Kind stillte. Die Säuglinge wurden gestillt, wann immer sie Lust darauf hatten; auch in der Nacht. Es war nicht bekannt, daß es jemals Frauen gab, die nicht stillen konnte. Wurde das Kind von jemanden gelobt wegen seinem guten Aussehen, wegen seiner guten Gesundheit, so war dies für die Mutter ein böses Omen. "S Kind darf nit gepravlt were".

Um nun ein Unheil von dem Neugeborenen abzuwenden, mußte die junge Mutter hinter dem Rücken der Besucherin dreimal ausspucken. Wo kamen die Kinder her?

Bei einigen wurden sie aus dem Kinnerbrünnle geholt, bei den anderen brachte sie der Storch. Auch ein Sprüchlein gab's, um den Storch zu ermuntern, wieder ein Kindlein zu bringen.

“Storch, Storch stena
Mit de hohe Bena
Bring uns a Buwela
A schenes mit Kruwela
Schmeiß aber net in da Grawa
Mer welle des Buwela hawe.”

Das Kind wurde schon bald getauft meist schon nach 8 Tagen. Die Paten wurden von beiden Eltern ausgesucht. Jedes Kind hatte 2 Paten. Einen männlichen und einen weiblichen. Sie wurden Vedder und Geddl genannt. Die Eltern des Kindes nannten sie Gevattersleit.

Der Pate wurde Gevattersmann, die Patin Gvattre gerufen. Das Kind wurde von den Paten in die Kirche zur Taufe getragen. Ein Junge vom Vedder, ein Mädchen von der Geddl. Die Mutter durfte nicht dabei sein, sie durfte 6 Wochen das Haus nicht verlassen, weil sie noch unrein war. Sie mußte erst noch ausgesegnet werden. Das Taufkleid war weiß. Bei einem Jun ge mitteiner blauen Schleife bei Mädchen, mitt einer rosa Schleife.

Nach sechs Wochen ging die Mutter mit ihrem Kind in die Kirche zur Ausssegnung. Das Kind wurde der Gottesmutter geweiht. Dies fand am Nebenaltar dem Mutter Gottes Altar, statt. Als Opfergabe legte die Mutter auch ein Geldstück nieder. Nach der Aussegnung, die immer ein Pfarrer vornahm, durfte die Wöchnerin wieder unter die Menschen.

Sehr verbreitet waren Säuglings- und Kinderkrankheiten. Da die wenigen Ärzte, die es zu jener Zeit gab, ihre Praxis von den Dörfern weit entfernt hatten, vorwiegend in den Städten, gab es fast in jedem Dorf eine "weiße Frau", die gut brauchen konnte. Sie wurde durchweg von allen Kranken in Anspruch genommen.

Eine gefürchtete Krankheit bei den Säuglingen und Kleinkindern war Gicht. Das Kind verdrehte alle Glieder und die Augen. Es lief blau an und drohte zu ersticken. Die weiße Frau bedeckte das kranke Kind mit einem großen schwarzen Tuch und betete unter Beschwörungen, bis das Kind sich allmählich beruhigte. Viele Kinder wurden so von ihr geheilt.

So wurden auch andere Krankheiten durch “Brauchen” behandelt wie: Der Wurm am Finger, Knorpelvereiterungen am Finger, wurde mit Asche aus einer Tabakspfeife behandelt, einen anderen Fall, den ich noch selbst erlebt habe, möchte ich hier auch schildern. Einem Malariakranken konnte von den Ärzten nicht geholfen werden. Da wurde die weiße Frau geholt.

Die gab folgendes Rezept an, welches die Angehörigen dem Kranken täglich verabreichen sollten: In Frikadellen oder in frisches Brot mußten dreiβig lebende Läuse hinein getan werden und dem Kranken zum Essen gegeben werden. Dies drei Mal am Tage und 8Tage lang. Selbstverständlich wußte der Patient nichts von dem Inhalt seiner Nahrung. Der Kranke wurde aber wieder gesund.

Das ganze Leben lang war die Geddl und der Vetter neben den Eltern die wichtigste Person für das Kind. Beschenkt von ihnen wurden sie aber nur an Weihnachten und an Neujahr. Die Kinder gingen zu ihnen, wünschten ihnen das Fest an und bekamen dann ein kleines Geschenk.

Heiratsbräuche der Volksdeutschen
in katholischen, ländlichen Gegenden um Odessa bis zum Jahr 1930

Meine Mutter, 93Jahre alt erinnert sich:

War ein junger Mann im heiratsfähigen Alter, so war es keinenfalls selbstverständlich, daß er  sich dem Mädchen, welches er gerne geheiratet hätte, offenbarte. Das war die Aufgabe des Kupplers, ein Verwandter oder guter Freund des Heiratskandidaten. Ein großer Teil der H.K. suchte sich ihre Zukünftige in den umliegenden Gemeinden. Der H.K. fuhr an einem Sonntag- vormittag mit seinem Kuppler ins Dorf, wo er durch Hörensagen wußte, da¦ es da viele heiratsfähige Mädchen gibt. Meist hatte man da auch gute Bekannte oder Verwandte. Diese nahmen die 2 mit in die Sonntagsmesse. Hier bot sich die erste Gelegenheit die Mädchen zu sehen. Da es bei uns Brauch war, mindestens eine halbe Stunde vor dem Beginn des Gottesdienstes zu erscheinen um mit den Freundinnen noch ein kurzes Schwätzchen zu machen, gesellten sich auch die junge Männer dazu. Gefiel nun eines der Mädchen dem H.K. so sagte er dies dem Kuppler. Nun erkundigte man sich nach dem Leumund des Mädchens und deren Familie. War dem nichts auszusetzen, so stattete man den Eltern des Mädchens einen Besuch ab.

Großer Wert wurde auch auf den selben Glauben gelegt. Daß jemand eine andersgläubige geheiratet hat, kam sehr selten vor. Bei ihren Eltern stellte man sich vor, und fragte, ob sie ihrer Tochter die Heirat erlauben. Der Vater antwortete meist: Wen es ein anständiger, fleißiger Mann ist und kein Siffer (Säufer) habe ich nichts dagegen, vorausgesetzt er gefällt meiner Tochter. Nun mußte der Kuppler die guten Seiten des Heiraters aufzählen und vor allem, seine wirtschaftliche und finanziellen. Man ging dann wieder weg um am Nachmittag wieder zu kommen und sich der Auserwählten zu zeigen.

Das Mädchen war inzwischen benachrichtigt worden und sie hat sich schöngemacht. Mace up und Bubiköpfe gab es nicht. Die Mädchen und Frauen trugen durchweg alle lange, dichte Zöpfe, welche sie entweder lose über die Schultern hängen ließen oder sie steckten sie kunstvoll, in kronen - oder muschelform hoch. Die älteren Frauen trugen einen Knoten. Sie waren alle anständig gekleid det. Dekollierte oder kurze Kleider waren eine Sünde. Nun wartete das Mädchen aufgeregt auf den Heirater. Bei einem Gläschen Wein unterhielt an sich nun über- alltägliche Dinge. Nach ungefähr einer Stunde bat der Kuppler das Mädchen in einen Nebenraum, so er sie fragte wie er ihr der H.K. gefalle. Nicht selten kam es vor, daß das Mädchen dem Kuppler offen ins Gesicht sagte: Wen du der Heirater wärst, würde ich sofort Ja sagen. Kein Wunder, denn Kuppler waren meistens gutaussehende und redegewandte Männer, während die Heirater oft schüchtern und gehemmt sich dem Mädchen gegenüber saßen. Sagte das Mädchen nun Nein, so war alles erledigt. Gefiel er ihr, so bat sie um eine Bedenkzeit. (Man mußte doch auch über ihn Erkundigungen einholen und dies von Neutralen, ehrenhaften Personen. Pfarrer, Bürgermeister.).

Sind diese zur Zufriedenheit ausgefallen, so machte man bei seinen Eltern einen Gegenbesuch. Hier ging es dann um die Wurst. Was bekommt sie, was er? Einigte man sich auch hier, so stand einem Handstreich (Verlobung) nichts mehr im Wege. Die Verlobung fand mal im Hause des Bräutigams oder im Hause der Braut statt. Im Beisein der Eltern und Freunden wurde mit einem Handschlag die Ehe einander versprochen. Draußen wurden 3 Böllerschüsse abgefeuert, das ganze Dorf wußte nun, das es irgendwo einen Handstreich gab.

Bei dieser Gelegenheit besprach man auch die Ausrichtung der Hochzeitsfeier. Es wurden immer sehr große Hochzeiten gehalten. Die Kosten wurden je zur Hälfte getragen. Da es aber Brauch war, daß alle Gäste zur Feier etwas mitbrachten (Hühner, Fleisch, Kuchen, Getränke u.a.). Hielten sich die Unkosten im Rahmen. Nun gingen die Brautleute zusammen zum Pfarrer, wo sie das Aufgebot bestellten. Drei Mal wurde das Brautpaar in der Kirch ausgerufen und ein jeder war verpflichtet falls er einen Hindernisgrund kannte- dies dem Herrn Pfarrer mitzuteilen. So- viel ich mich er innern kann ist dies nie uns nie wurden da und dort vorgekommen.

In der Verlobungszeit war es selbstverständlich, daß das Brautpaar keinerlei Intimitäten austauschte. Die Braut wurde von ihren Eltern strengstens behütet. Eine Braut hatte als Jungfrau in die Ehre zu kommen. Auch Polterabende wurden da und dort gefeiert. Die Hochzeiten fanden immer dienstags statt, damit die Polterabende nicht an einem Sonntag stattfanden. Einige Tage vor der Hochzeit gingen die Lafer von Haus zu Haus und luden mit folgenden Worten zur Hochzeit ein: Gelobt sei Jesus Christus! Das Brautpaar lädt sie recht herzlichein morgen um 9 Uhr im Hochzeitshaus zu sein. Dabei wurde ein Schnäpschen getrunken und von dem  mitgebrachten Zopf gegessen. Die Lader waren 2 Brautführer und 2 Brautjungfer. Als Erkennungszeichen trugen die Männer ein rotes Band am Revers der Jacke und die Jungfern, ein rotes Tüchlein.

Bis 1910 ging die Braut noch in Schwarz, dann in blau und ab 1915 in weiß, mit Schleier und einem weißen Wachskränzchen im Haar. Der Bräutigam ging immer in einem schwarzen Anzug, mit einem weißen Band und ein Sträußchen im Knopfloch. Der Bräutigam wurde mit der Kutsche, die reichlich verziert war, zur Braut gefahren. Hier bat das Brautpaar ihre Eltern um den Segen. Nachher beteten alle gemeinsam den Glauben. Am Abend zuvor ging man zur standesamtlichen Traung. Dann ging es zur Kirche.

Der Hochzeitszug ging wie folgt: Die Braut, gesäumt von den 2 Brautjungfern. Der Bräutigam wurde von 2 Ehrenväter begleitet. Dann kamen die nahen Angehörigen und die übrigen Gäste. Musik war immer dabei auch wurde viel geschossen.

In der Kirche kniete die Braut rechts und der Bräutigam links. Als der Pfarrer erschien, wurde das Paar zusammengeführt. Nach der Traung lud das Brautpaar den Herrn Pfarrer zur Hochzeit, was dieser dankend annahm.

Nach der Traung ging das frischvermählte Paar voraus; ihm folgten die Brautjungfern mit den Brautführer, dann die Ehrenväter, die Eltern und die andere Gäste. Zu Hause angekommen stellte sich das Paar in die Mitte des Raumes, rechts und links von ihnen 2 Auftragsmädchen (Bedienung) mit Schnaps und allerlei Kleingebäck.

Erst jetzt wurde dem neuvermählten Paar gratuliert und auf ihr Glück angestoßen. Ein Jeder küßte die Braut auf den Mund, auch der Ehemann wurde geküßt. Viel Glück im Ehestand, sagte man. Als Kind verstand ich immer: Viel Glück in da Ölstand! Und konnte mir nicht erklären was denn der Ölstand (Ölfaβ) mit der Ehe zu tun habe. Anschließend gab es kalte Platten und viel Flüssiges dazu.

Um drei Uhr kam das Festessen. Hühnersuppe mit selbstgemachten, feinen Nudeln. Dazu gab es einen süßen Roseinleskuchen (rosinenkuchen). Die Suppe wurde immer mit Zimt gewürzt. Dann kamen gebratene, gefüllte Hühner, Braten, Fleischpflänzchen und Kartoffelbrei dazu. Breite Nudeln gab es fast nie. Auserdem gab es allerlei Salate und viel Saures (Tomaten, Gzrken, Melonen, Kraut, Äpfel und, und,...). Als Nachtisch, Maroschino und allerhand süße Sachen. Statt Kaffee gab es den Tee mit Zitrone und Würfelzucker. Kuchen gab es verschiedene Sorten. Torten kaum.

Nach dem Essen, wurde im Nebenzimmer aufgespielt und viel getanzt. Der erste Tanz gehörte dem Brautpaar, dann holten die Ehrenväter die Braut. Der Bräutigam tanzte mit den Brautjungfern.

Bei den Hochzeiten wurde immer sehr viel gesungen, lustige Lieder wie: Der Tuwakwak, der Tuwakwak, der Tuwakwak isch mei Lewa
Der Tuwakwak, der Tuwakwak isch mei Freud…
Schön ist die Jugend... Vivalla Companie...

Aber auch viele traurige Lieder wurden gesungen. Eines davov:  Brautleut hört den Gesang, ein Leben zu Zweit ist oft lang. Wenn einer den anderen nicht ehrt, die Liebe in Kälte sich kehrt, wen keiner von euch hat Geduld, dem Andern gibt immer die Schuld und einander so lieblos schauen an als wären sie nicht Frau und Mann. Die Frau dem Mann gehorsam soll sein und halten ihre Zunge brav ein und fleißig soll schaffen im Haus, und treiben das Böse aus. Der Mann muß schaffen das Brot, damit die seine keine Not und tut ihr ein Solches ja nicht, so kommt ihr einst stehn vor Gericht.

Bei solchen Liedern wurde immer sehr viel geweint vor allem die Braut und deren Familie. Es kam auch oft vor, daß zwei Väter ihre Kinder verkuppelten. Auch kam es vor, daß das Mädchen heimlich einen Liebsten hatte und sie ihn nicht heiraten durfte. Und der Vater auf einen anderen bestand, den sie heiraten mußte und todunglücklich war. Die Frau hatte dies alles geduldig zu tragen. Ihre Zukunft war schon vorausprogrammiert, viel Arbeit, viele Kinder und wenn gar kein Kind kam, so war sie noch schlimmer dran. Welcher Bauer gab sich ohne Kinder ab?

Sitten und Bräuche der Volksdeutschen in Ruβland

Beerdigungen
: “Leich”

"Himmelhoch jauchzend - zu Tode betrübt" Eigenheiten, die man der russischen Seele zuschrieb, trafen auch für die Volksdeutschen in Rußland zu. Egal welches Fest, welcher Feiertag oder Trauertag, sie waren immer mit Leib und Seele dabei. Sie legten ihren Gefühlen keinen Zwang an. Dies kam ganz besonders bei Beerdigungen zum Vorschein. Hemmungsloses, lautes Wehklagen beim Heimgang eines nahen Angehörigen war etwas ganz selbstverständliches.

Wurde bei einer Beerdigung kaum geweint, so hieß es hinterher: “Jo, döβisch kan scheni Leich gewest, s’ hat jo fascht niemand g'heilt”. Wurde dagegen viel geweint und gejammert, so war man sehr zufrieden und erzählte es gerne weiter: “Dös isch a schene Leich gewest. Alle Leit hen g'heilt. Es kam oft vor, daß eine Frau in Ohnmacht viel oder mit aller Gewalt versuchte, ihr todes Kind oder ihren Mann nicht wegtragen zu lassen. Sie legte sich klagend auf den Toten und man mußte sie mit aller Gewalt losreißen. Mit Wehklagen und lautem Weinen bewegte sich der Trauerzug vom Haus des Verstorbenen zum Friedhof. Mit Ausrufenwie: “Warum hast du uns (mich) verlassen? Was fange ich (wir) jetzt ohne dich an? Brachte sie ihren Schmerz zum Ausdruck. Als dann am Grabe der Sarg in die Erde gesenkt wurde, steigerten sich die Hinterbliebenen so in ihren Schmerz hinein, daß man sie oft festhalten mußte, damit sie nicht ins Grab hinein sprangen.

Lag ein Mensch im Sterben, so sprach sich das in Windeseile im ganzen Dorf herum. Es kamen dann die nahen Verwandten, die Freunde und vor allem die Nachbarn, um den Sterbenden in seiner schweren Stunde mit Beten und tröstenden Worten beizustehen. Sehr selten starb jemand in einem Krankenhaus, vielmehr fast immer zu Hause in der Familie. Da für den Sterbenden selten ein separater Raum zur Verfügung stand, lag er in seinem bisherigen Schlafzimmer bis zum Tode. Neben dem Bett wurde ein Tisch hingestellt, darauf man Kerzen anzündete, ein Kruzifix und Weihwasser hinstellte. Es wurde unaufhörlich gebetet und gesungen, dem Sterbenden tröstende Worte zugesprochen, um so ihm das Gefühl zugeben, nicht allein zu sein.

Es war eine Selbstverständlichkeit, daß auch Kinder dabei sein durften. War der Sterbende, Vater, Mutter, eines der Großeltern, noch bei Kräften und klarem Verstand, so gab er den Anwesenden den Segen mit Ermahnungen. Nicht selten wurde auch von den Anwesenden ein Versprechen abgenommen, z.B. an einen älteren Sohn, sich um die Mutter oder sich un die kleineren Geschwister zu kümmern.

Mit den Kindern sprach man ganz offen über den Tod. Der Verstorbene werde nun heimgeholt in den Himmel, wo es keinen Schmerz, kein Leid, nur edle Freude geben wird. Ich konnte es nie begreifen, wieso dann alle so sehr weinten und wehklagten, wo der Tote es doch im Himmel so schön haben wird. War der Tod eingetreten, so wurde der Tote von den Angehörigen gewaschen, angezogen. Die Frauen meist in schwarzen, festlichen Kleidern, Mädchen und Kinder in weißen Kleidern. Viele äußerten vorher noch den Wunsch, wie man sie in den Sarg legen soll. Witwen behielten ihren Ehering am Finger, auch ein goldenes Kreuzchen wurde ihnen mitgegeben. Jungfrauen und Kindern flocht man einen weißen Kranz aus Wachsblumen um das Haar. Die Toten wurden sehr bald beerdigt. Starben sie in der Frühe, wurden sie schon am Abend zu Grabe getragen. Starben sie am Abend, so war die Beerdigung am anderen Vormittag.

Daher kamen auch wohl die vielen Erzählungen von Toten, die im Grab wieder zu sich kamen. Immer wieder hörte man, daß da und dort ein Grab ausgehoben werden mußte, weil jemand, der in der Nacht über den Friedhof ging, Poltern und Erdbewegungen im frischen Grab wahrnahm. Als man dann das Grab öffnete, saß die oder der Verstorbene mit blutigen Fingerspitzen im Sarg. Auch Erscheinungen der Verstorbenen bei ihren Angehörigen war an der Tagesordnung. So kam z.B. eine Mutter mit sieben Kindern, die bereits tot war, wieder zu sich, weil die Kinder und der Mann gar zu sehr jammerten und schrien. Sie habe die Augen geöffnet und vorwurfsvoll gefragt: "Warum weint ihr denn so? Ich war schon ganz nah am Himmel und ihr habt mich mit eurem Wehklagen wieder zurück geholt in diese traurige Welt. Da wo ich jetzt war, war es so schön und friedlich." Die Frau soll dann noch einige Jahre gelebt haben und sie konnte es kaum erwarten in den Himmel zu kommen.

Am Totenbett versprach man oft den Sterbenden, für ihn jedes Jahr eine Sterbemesse lesen zu lassen. Da war nun ein Mann, de sein Versprechen nicht eingehalten hat. Seine verstorbene Frau kam nun jede Nacht zu ihm ans Bett und fragte: "Warum hältst du dein Versprechen nicht? Ich fande da oben keine Ruhe, so lange für mich keine Messe hast lessen lassen." Nachdem er sein Versprechen eingelöst hatte, kam seine Frau nicht mehr und er hatte seine Ruhe. Der Sarg wurde offen gelassen bis der Zug zum Friedhof aufbrach. Dann wurde er vor aller Augen zugenagelt. So wurde auch das Grab noch im Beisein der Trauergemeinde zugeschaufelt. Ins offene Grab wurde Weihwasser gesprengt, selten Erde und Blumen reingeworfen. In größeren Dörfern, wo ein Pfarrer oder ein Pater zugegen war, vollzog er die Beerdigung, in kleineren Dörfern oder Chutern konnte dieses Amt auch der Lehrer ausführen.

Ungetaufte Kinder wurden nicht im Friedhof beerdigt, später in einer ungeweihten Ecke im Friedhof beigesetzt, ohne Pfarrer. Nach der Beerdigung gab es für die Auswärtigen und die nahen Verwandten ein kleines Essen. Es durfte weder gelacht noch gesungen werden. Man brach auch bald auf und ging nach Haus. Trauer wurde von den Frauen ein Jahr lang getragen; Witwen trugen Trauer oft ein Leben lang.

Folgendes Lied wurde bei jede Beerdigung gesungen:

Das Schicksal wird keinen verschonen
Der Tod verfolgt Zepter und Kronen
Vergänglich ist zeitliches Glück
Alles, alles fällt wieder zurück.

Der Leib von der Erde genommen
kehrt dorthin woher er gekommen
Schönheit, Reichtum und Macht
Deckt von nun an ewige Nacht.

Ach weint nicht ihr Freunde und Brüder
Wir seh'n uns einander nicht wieder
Am Tage des letzten Gerichts
Füchtet Gott nur sonst fürchtet nichts.

Vorbei sind schmerzvolle Tage
Vorbei sind Kummer und Plage
Beim Herrn nur gibt's Friede und Ruh
Nun deckt mich mit eurer Liebe zu.

Jetzt wird mich die Erde bedecken
Einst aber Posaunen mich wecken
Im strahlenden, göttlichen Licht
Drum weinet, ach weinet doch nicht.

Dieser Brauch hat sich bei unseren älteren Landsleuten (Frauen) bis zum heutigen Tage erhalten. Ich weiß es aber nur im Gebiet von Taschkent, wo viele unserer Katholischen Landsleute leben. Der Friedhof ersetzt da die Kirche und Frauen ersetzen den Priester.

Volkslieder

aus unserer alten Heimat am Schwarzen Meer, in den Dörfern Elsaß, Mannheim, Bischofsfeld, Wiesental, Selz, Kandel, Straßburg u.a. um Odessa.

"Wo man singt, da laß dich nieder
böse Menschen kennen keine Lieder.”

Dieses Sprichwort kannte man auch bei uns in der alten Heimat und wir machten regen Gebrauch davon, nicht nur im Sprichwort, sondern vielmehr vom Singen. Gesungen wurde bei uns sehr viel. Bei fast allen Anlässen, bei jeder Gelegenheit. Auf dem Weg zur Arbeit, während der Arbeit, auf dem Heimweg- ob zu Fuß oder auf dem Wagen. Sobald wenigstens zwei Personen, vorwiegend Frauen, beisammen waren, wurde gesungen. Abends, nach getaner Arbeit, in warmen Jahreszeiten vor den Häusern sitzend und um Winter in den warmen Stuben. Gesungen wurde nicht nur, wenn man fröhlicher war, im Gegenteil, man sang sehr oft und gerne auch traurige Lieder. Der Gesang war sozusagen eine Heilmassage für die Seele. Für einen jeden Zustand gab es die geeigneten Lieder. Man sang bei Beerdigungen, und erst recht bei Hochzeiten, Taufen und sonstigen geselligen Beisammensein.

Fast alle Lieder wurden ohne Noten einstudiert. Sie wurden nach dem Gehör und durch einander vorsingen von Dorf zu Dorf weitergegeben. Bei Schulchören gab es vereinzelt Noten für den Dirigenten, welcher mit dem Klavier die Lieder einübte. Durch die von Mund zu Mund -Weitergabe der Volkslieder erfuhren die Melodie sowie auch der Text mit der Zeit Abweichungen vom Original, denn nicht jeder Verbreiter des Liedes hatte das absolute Gehör.

War man in einem anderen Dorf zu Besuch, so war es selbstverständlich, daß man miteinander sang und Lieder austauschte. Kam jemand von einem Besuch zurück, so lautete die Frage: "Hast du neue Lieder mitgebracht?"

Gesungen wurde nicht nur von den jungen, auch die ältere Generation war sehr sangesfreudig, besonders bei Hochzeiten, Taufen und ähnlichen Anlässen. Man kann getrost sagen: Von der Wiege bis zur Bahre begleiteten uns Lieder in unserer alten Heimat.

Ich versuche nun Lieder, soweit ich sie noch im Text und in der Melodie in Erinnerung habe, wiederzugeben. Liede wie man sie bei uns daheim am Schwarzen Meer gesungen hat. Ich beginne mit Wiegenlieder.

O Susanna, wunderschöne Anna

O Susanna, wunderschöne Anna, ist das Leben doch so schön.
O Susanna, wunderschöne Anna, wie ist das Leben schön.

Alle Fische schwimmen, alle Fische schwimmen,
nur der Backfisch nicht.

Alle Hunde bellen, alle Hunde bellen,
nur der Rollmops nicht.

Alle Glöckchen leuten, alle Glöckchen läuten,
nur das Maienglöckchen nicht.

Alle Hähne krähen, alle Hähne krähen,
nur der Wetterhahne nicht.

Alle Pferdchen wiehern, alle Pferdchen wiehern,
nur das Steckenpferdchen nicht.

Alle Kätzchen schnurren, alle Kätzchen schnurren,

Nur das Weidekätzchen nicht.

Alle Tauben gurren, alle Tauben gurren
nur die Weinfaßtaube nicht.

Alle Bilder hängen, alle Bilder hängen,
nur die Weibsbilder nicht.  U.s.w. bis St. Nimmerleinstag

Und mein Herz möcht mir verbluten

Und mein Herz möcht mir verbluten, wenn ich denk an die Geschicht.
:/: Daß in Hamburg eine Mutter, ihrem Kind sein Urteil spricht :/:

Ihren Mann hat sie verloren, eine Witwe war sie bald.
:/: Und ein Kind hat sie geboren, es war kaum drei Jahre alt :/:

Einen Grafen könnt’ sie heiraten, wenn nur diese Kind nicht wär’.
:/: Und ließ dem Grafen sagen. dieses Kind lebt lang nicht mehr :/:

Eines Tag’s ging sie spazieren, nahm ihr Kindlein bei der Hand.
:/: In den Keller ließ sie's führen. Und verriegelt Schloß und Band :/:

So ließ’s sie's drei Tage harren, ohne Speis und ohne Trank.
:/: Und dem Tischler ließ sie sagen er solle machen eine Todeslad ;/:

Bei dem ersten Hammerschläge, fing das Kind zu weinen an.
:/: Bei dem zweiten Hammerschläge, fing das Kind zu reden an :/:

Ihr seid Schuld an meiner Plage, ihr seid schuld an meiner Pein.
Heut, an eurem Hochzeitstage, soll nun mein Begräbnis sein :/:

Mög'n die Glocken, die euch leuten, eure Todesglocken sein.
:/: Und die Gäste, die euch begleiten, eure Henkersknechte sein :/:.

Ich habe den Frühling gesehen

Ich habe den Frühling gesehen, und habe die Blumen begrüßt.
:/: Der Nachtigall Lieder gelauschet und ein herzliebstes Mädchen geküßt :/:

Der liebliche Lenz ist entschwunden, die Blumen sind alle verblüht.
:/: In’s Grab ist mein Liebchen gesunken, verstummt ist der Nachtigall Lied :/:

Der liebliche Lenz kehrt einst wieder, die Blumen blühn all wieder auf.
:/: Die Nachtigall singt ihre Lieder; mein Liebchen wacht nie wieder auf :/:

Dort liegt sie mit Erde bedeckt und Blumen blüh'n auf ihrem Grab.
:/: O könnt ich sie wieder erwecken, der einst Mal die Blumen ihr gab :/:

Es waren zwei Königskinder

Es waren zwei Königskinder, die hatten einander sehr lieb.
Sie konnten zusammen nicht kommen;/ denn das Wasser war viel zu tief :/:

Ach Liebster, kannst du schwimmen, so schwimm herüber zu mir.
Drei Kerzen will ich anzünden, :/: die sollen leuchten dir :/:

Das hörte eine falsche Norne, sie tat als ob sie schlief.
Sie tut die Kerzen auslöschen,:/: und der Jüngling so tief :/:

Ach Mutter, herzliebste Mutter, mir tut mein Kopf so weh.
Ich möchte so gerne spazieren, :/: an dem schönen grünen See :/:

Ach Fischer, guter Fischer, willst du es einen guten Lohn?
So tu dein Netz auswerfen, :/: und fisch mir des Königs Sohn :/:

Der Fischer warf sein Netze, hinab in den tiefen Grund.
Er tat so lange fischen, :/: bis er den Königssohn fund :/:

Sie nahm ihn in ihre Arme, und küßte seinen bleichen Mund.
Ach Liebster könntest du sprechen, :/: so wäre mein Herz gesund :/:

Sie nahm von ihrem Haupte, die edle, goldne Kron.
Nimm hin du braver Fischer, :/: deinen wohlverdienten Lohn :/:

Ade meine lieben Eltern, wir werden uns nie wieder sehen.
Sie warf von sich ab ihren Mantel, :/: und sprang in den tiefen See :/:

Da fingen die Glocken an zu läuten, es war Trauer und große Not.

Es liebten sich zwei Königskinder, :/: und die sind nun beide tot:/:

Schlaraffenland

Leute, laßt uns schnell begeben,
jetzo ins Schlaraffenland,
Ei, da gibt's ein schönes Leben,
Ist von Arbeit nichts bekannt.

Braucht man nur faul rumzuliegen,
wird dabei recht fett und rund,
weil gebratene Tauben fliegen,
einem gradzu in den Mund.

Milch und Honig fließt in Bächen,

laden plätschernd zu Baden ein,
mit dem Messer auf dem Rücken,
läuft gebraten jedes Schwein.

Brauchst dich nicht danach zu bücken,
alles kommt von selbst hinein,
und zu aller Mann entzücken,
aus dem Fels fließt kühler Wein.

Und die Straßen allerorten,
sind belegt mit Marzipan,
Sahnekuchen, Zuckertorten,
auf jedem Weg und jeder Bahn.

Aus reschen Würsten sind die Brücken,
Messer und Gabel stecken drin,
Wen packt da nicht das Entzücken?
Also Leute, nichts wie hin.

Und von Kuchen, Kringeln, Wecken,
sind die Zweige voll und schwer.
Feigen wachsen auf den Hecken,
Beeren in den Büsch umher.

Pomeranzen auf den Bäumen,
fallen just einem in die Hand
liegt man drunter in wachen Traume,
in dem berühmten Schlaraffenland.

Mag es auch ein schönes Leben,
dort in jenem Ländchen sein.
Viele haben sich hin begeben,
doch keiner kam bis jetzt hinein.

Dazu braucht man nämlich Flügel,
um gelangen bis zum Tor.
Denn da liegt ein großer Hügel,
süßer Pflaumenmus davor.

Diesen muß man ganz durchessen,
ohne einmal auszuruhn.
Und darf dabei nicht vergessen,
seinen Eifer stets kundzutun.

Daran haben sich schon viele,
überfressen kreuz und quer.
Kamen trotzdem nicht zum Ziele
liegen stöhnend rings umher.

Drum ihr Leute laßt uns bleiben,
hier in diesem, unsrem Land.
Können's zwar so bunt nicht treiben
wie in dem Schlaraffenland.

Doch wieviel schöner ist ein Leben,
mit Müh und Arbeit ausgefüllt.
Denn allen Wünschen nachzugeben,
hat noch keines Menschen Herz gestillt.

Eine Waise bin ich

Eine Waise, eine Waise, eine Waise bin ich
:/: Wie ein Stein auf der Straße, so behandelt man mich

Ohne Eltern, ohne Geschwister, nur ich bin allein
:/: Ei, wie schwer ist's zu leben, so verlassen zu sein

An dem Grabe, auf dem Friedhof, auf dem Friedhof weit draus
:/: Da knie ich mich oft nieder und weine mich aus.

Wenn ich sterbe, wenn ich sterbe, so legt mich da hinein
:/: da werd ich nicht mehr so allein und so einsam sein

Keine Rosen ohne Dornen

Keine Rosen ohne Dornen, keine Liebe ohne Pein.
Nur für dich bin ich geboren, mein Geliebter sollst du sein.

Wenn ich auf der Straße gehe, schauen mich die Leute an.
Meine Augen sind voll Tränen, daß ich nicht mehr sehen kann.

Liegt dir im Schoß mal eine andre und du sie herzlich liebst u. küßt.
Sag ihr nichts von unsrer Liebe, sag nur immer, du kennst mich nicht.

Wenn ich einmal sterben werde und der Tod mein Auge bricht,
So pflanzt du auf meinem Grabe, Rosen und Vergißmeinnicht.

Der Schlossergesell

A Schlosser hat a Gselle ghat, der hat so langsam gefeilt,
doch wann’s zum Essa ganga isch, do hat’r krausam greilt.
Der erschte un der Schüssel drin, da letschte widdar drauß,
do isch ka Mensch so fleißig gwest, wie er im ganza Haus.

Gesell, hat amol der Meister gsagt, hör, dös versteh ich nit,
es ist doch all mein Lebtag gwest, so lang denk zurück.
So wie man ist, so schafft man auch, bei dir isch des nit so,
so langsam hat noch keiner gfeilt un gessa wie du.

Ha, sagt der Gsell, des versteh ich scho, des hat sei guter Grund,
des Esse dauert gar nit lang, aber die Arbeit vierzehn Stund.
Wenn einer soll de ganze Tag in einem esse fort,
dös tät a no so langsam geh, wie beim feile dort.

Der Wirtshaushocker

Grad aus dem Wirtshaus komm ich raus, Straße wie siehst du so wunderlich aus?
Rechte Seite, linke Seite, ist bei dir vertauscht, sag mal Straße, bist du berauscht?

Machst gar ein arg schiefes Gesicht. Glaubst du wirklich, ich merke es nicht?
Wankest bedenklich hin und her, krieg keinen Halt und Stand mehr. Straße ich glaube du bist berauscht.

Und die Laternen erst, was muß ich sehn? Keine von ihnen kann grade mehr stehn.
Wackeln ganz ungeniert, kreuz und quer, scheinen betrunken zu sein, allesamt sehr.
Schäm dich, o Straße, du bist berauscht.

Alles betrunken hier, ob groß oder klein. Mag nicht dazwischen gehn, so nüchtern allein.
Scheint mir gefährlich auch, das kurze Wegstück, da geh ich doch besser, wieder zum Gasthaus zurück.

Waldeslust

Waldeslust, Waldeslust, o wie einsam schlägt die Brust
Ihr lieben Vögelein, stimmt eure Lieder ein
und singt aus voller Brust, die Waldeslust.

Waldeslust, Waldeslust, o wie einsam schlägt die Brust.
Mein Vater kennt mich nicht, meine Mutter, liebt mich nicht
und sterben mag ich nicht, bin noch zu jung.

Waldeslust, Waldeslust, o wie einsam schlägt die Brust
In einer Sommernacht ist mir die Lieb erwacht
mein Schatz ist weit von mir, was tue ich hier?

Kuckuk

Kuckuk, Kuckuk, ruftl aus dem Wald
lasset uns singen, tanzen und springen
Frühling, Frühling, wird es nun bald.

Kuckuk, Kuckuk, laß nicht dein Schrein
komm in die Felder, Wiesen und Wälder
Frühling, Frühling, kehr doch bald ein.

Kuckuk, Kuckuk treffender Held
was du gesungen, ist dir gelungen
Winter, Winter, räumt schon das Feld.

O du lieber Augustin

O du lieber Augustin, Augustin, Augustin
O du lieber Augustin, alles ist hin.
S Geld ist hin, d Welt ist hin,
S Land ist hin, S Gwand ist hin,
O du lieber Augustin, alles ist hin.

Schmied, Schmied, Schmied

Schmied, Schmied, Schmied, nimm dein Hämmerlein mit
Wenn du willst ein Roß beschlagen, mußt dein Hämmerlein bei dir tragen.
Schmied, Schmied, Schmied, nimm dein Hämmerlein mit.

Die Schneider

Und als die Schneider Jahrestag hatten, da waren sie alle froh ( zwei Mal) Da aßen ihrer 90, ja neun mal neunundneunzig, an einem gebackenem Floh an einem gebackenem Floh. und als sie dann großen Durst bekamen, da brauchten sie viel Mut ( zwei Mal) da tranken ihrer neunzig, ja neun mal neunundneunzig, aus einem Fingerhut aus einem Fingerhut und als sie getrunken hatten, da hielten sie einen Tanz  (zwei Mal ) da tanzten ihrer neunzig, ja neun mal neunundneuwzip, auf einem Haselschwanz auf einem Haselschwanz und als sie dann alle müde war'n, da schliefen sie dann ein (Zwei Mal) da schliefen alle neunzig, ja neun mal neunundneunzig, in einem Bettelein

In einem Bettelein

Der Duwakwak

Der Duwakwat, der Duwakwat, der Duwak isch mei Läwa,
Der Duwakwat, der Duwakwat, der Duwak isch mei Freud.

Jetz wemar noch, jetz wemar noch, a ganz klaan Glsla hewa,

            Jetz trinkemar noch, jetz trinkemar noch, jetz trinkemar noch ans aus.

            Was hemar doch, was hemar doch, heit far aa scheenes Lâwa,

Drum gemar a nit, drun gemar a nit, drum gemar noch nit nach Haus. 

            Des Nachtwächter Gesang

Hört ihr Leut und laßt euch sagen, die Glocke, die hat zehn geschlagen.
Jetzt betet froh und geht ins Bett und wer ein ruhigs Gwisse hett,
der schlafe sanft die ganze Nacht, ein gütig Auge im Himmel wacht.

Hört ihr Leut und laßt euch sagen, die Glocke, die hat elf geschlagen.
Wer wo noch in der Arbeit schwitzt, oder bei den Karten sitzt.
Den bitt ich jetzt zum letzten Mol, s’ ist höchste Zeit, nun schlafet wohl.

Hört ihr Leut und laßt euch sagen, die Glocke die hat zwölf geschlagen.
Und wo noch in der Mitternacht, im Schmerz und Kummer einer wacht,
dem gib o Gott, eine ruhige Stund, mach ihn wieder froh und gesund.

Hört ihr Leut und laßt euch sagen, die Glocke die hat eins geschlagen.
Und wo auf Satans G’eheiß und Rat (rat), ein Dieb auf finstere Wege goeht (geht)
Ich will's nicht hoffen. Aber g’schieht's. Geh heim, mein Sohn! Der Himmel sieht's!

Hört ihr Leut und laßt euch sagen, die Glocke, die hat zwei geschlagen.
Und wenn schon wieder, ehe es tagt die schwere Sorge am Herzen nagt.
Verzage nicht, vertrau auf Gott. Er ist der Helfer in aller Not.

Hört ihr Leut und laßt euch sagen, die Glocke, die hat drei geschlagen.
Die Morgenstund am Himmel schwebt, und wer im Frieden den Tag erlebt.
Der danke Gott und fasse Mut. Bestimmt wird alles wieder gut.

Fortsetzung Kinderverse:

Regen, Regen, Tropfen, die alten Weiber hopfen
sie hopfen in der Küche rum und schmeißen alle Häfele um.

Die Katze fegt die Stube aus
die Maus tragt den Dreck hinaus
sitzt ein Männlein auf dem Dach
hat sich halber bucklig g'lacht.

Der Räuberhauptmann

Es wollt ein Mann nach seiner Heimat reisen,
es wollt ein Mann nach seiner Heimat ziehn.
:/: da mußte er einen dunklen Wald durchschreiten,
als plötzlich ihn ein Räuber überfiel. :/:

Gib her dein Geld, sonst bist du es verloren.

gib her dein Geld und hast du's keine Lust.
:/: so muß ich dich mit meinem Dolch durchbohren,
ich stech ihn schon an deine junge Brust. :/:

Ich hab kein Geld, so nimm denn hin mein Leben,
Ich hab' kein Geld, so nimm mein Leben mir.
:/: Ich hab kein Geld und kann drum auch kein's geben,
ein armer Wanderer der steht vor dir. :/:

Der Räuber blieb erschrocken vor ihm stehen,
zum Töten hatte er auf einmal keine Lust.
:/: Ach, aber ach, was muß ich bei dir sehen,
was trägst du für ein Bild an deiner Brust. :/:

Das ist das Bild von meinem lieben Bruder,
der vor acht Jahren zog in die Welt hinaus.
:/: Die Mutter gab es mir, um ihn zu suchen,
nun kehr ich ohne ihn zurück nach Haus. :/:

Der Räuber warf sich plötzlich vor ihm nieder,
verzeih, verzeih, rief er im heißen Fleh'n.
Ach Gott, ach Gott, ich muß es dir gesteh'n,
daß ich als Räuberhauptmann vor meinem Bruder steh'. :/:

Zehn Jahre lang warst du für uns verloren,
zehn Jahre weinte um dich die Mutter dein.
:/: Nun bist du uns auf’s Neue wieder geboren,
Komm Bruder wir geh'n zu unsrer Mutter heim. :/:

Und mein Herz möcht mir verbluten

Und mein Herz möcht mir verbluten, wenn ich denk an die Geschicht.
:/: Daß in Hamburg eine Mutter, ihrem Kind das Urteil spricht. :/:

Ihren Mann hat sie verloren, eine Witwe war sie bald.
:/: Und ein Kind hat sie geboren;,es war kaum drei Jahre alt. :/:

Einen Grafen könnt' sie heiraten, wenn nur dieses Kind nicht wär’.
:/: Und sie ließ dem Grafen sagen, dieses Kind lebt lang nicht mehr. :/:

Eines Tag’s ging sie spazieren, nahm ihr Kindlein bei der Hand.
:/: In den Keller ließ sie's führen und verriegelt Schloß und Band. :/:
So ließ sie's drei Tage harren, ohne Speise, ohne Trank
:/: und dem Tischler ließ sie sagen er solle machen ein Todeslad' :/:
Bei dem ersten Hammerschläge fing das Kind zu weinen an;
:/: bei dem zweiten Hammerschläge fing das Kind zu reden an. :/:

Ihr seid schuld an meiner Plage; ihr seid schuld an meiner Pein.
:/: Heut' an eurem Hochzeitstage soll nun mein Begräbnis sein. :/:

Mögen die Glocken, die euch läuten, eure Todesglocken sein
:/: und die Gäste, die euch begleiten, eure Henkersknechte sein. :/:

Ich habe den Frühling gesehen

Ich habe den Frühling gesehen und habe die Blumen begrüßt.
:/: Der Nachtigall Lieder gelauschet und ein herzliebstes Mädchen geküßt. :/:

Der liebliche Lenz ist entschwunden, die Blumen sind alle verblüht.
:/: In’s Grab ist mein Liebchen gesunken, verstummt ist der Nachtigall Lied. :/:

Der liebliche Lenz kehrt einst wieder, die Blumen blühn all' wieder auf.
:/: Die Nachtigall singt ihre Lieder, mein Liebchen wacht nie wieder auf. :/:

Dort liegt sie mit Erde bedeckt und Blumen blüh'n auf ihrem Grab.
:/: O könnt ich sie wieder erwecken, der einst Mal die Blumen ich gab. :/:

Kirchweihfest

Meine 96-jährige Mutter erinnert sich.

Kirchweih war bei uns zu Hause, bis zum 2. weltkrieg ein sehr beliebtes, vie seitiges Fest, ein kirchliches und ein weltliches. Ein Gemeinde und ein Familienfest. Es war nicht nur ein Fest der frommen Erinnerung an die Einweihung der Heimatkirche und wie in vielen Orten auch gleichzeitig an den Schutzheiligen, sondern auch ein Freudenfest, mit Schwelgereien und Tanz.

Da die jeweiligen Kirchen an verschiedenen Sonntagen Kirchweih feierten und es Ehrensache war, daß man bei Verwandten überall dabei war, feierte man oft woche lang. Es wurde in den Monaten September bis November gefeiert, also nach der Ernte und bei neuen Wein. Vereint feierten Verwandtschaft, Freunde, Mägde und Knechte und Tagelöhner. Es war sozusagen eine Belohnung für die schwere Arbeit über das ganze Jahr hindurch. Leider sind uns nur noch wenige Lieder oder Verse von der Kirchweih überliefert. Hier einige davon:

Heut isch Kârwa, marja isch Kerwa,
s geht die ganze Wocha,
wann der Belsanickl die Magd holt,
müssen die Männer kocha.
oder: Am Sonntag isch Kärwa, do versauf ich mei Geld. Heut will ich lewe marja pfeif ich uff die Welt.

Heut isch Kärwa, marja isch Kärwa
un iwers Joahr widder
Wen mir da Herrgott s Lewa schenkt,
feier ich s nächste Joahr widder.

Sprüche zur Fasenacht

Narre, Narre, Gigaboga, was sie sagen isch geloga.

Jetzt kummt d Fasenacht, mit de große Schnella
Kasperle, du fauler Hund, hascht nit gewißt,
daß sie kummt.
Hätsch dei Nasim Wasser griewa
no wer dei Geld im Säckla gabliewa.

Sprichwörtersammlung

aus dem deutschen Siedlungsgebiet am Schwarzen Mer um Odessa

Vorwort:
Sprichwörter gehörten bei uns daheim zur täglichen Umgangssprache. Sie wurden sozusagen als Erziehungstherapie, besonders bei Kindern und Jugendlichen angewendet. Am Wahrheitsgehalt dieser Sprichwörter gab es nichts zu rütteln. Selbstverständlich wurden sie im heimischen Dialekt gesprochen. Viele davon sind mir noch in Erinnerung, zum Beispiel:

Mer sell da Daag nit vor’m Owed lobe

Da Lauscha an da Wand hört sei eigeni Schand

Wer nit kummt zu rächter Zeit, muß nämma, was üwrich bleibt

Was du heid kannsch besorga, dös verschieb nit uff morja

Wer sich unnäar d Kleija mischt, denna fresse d Sai

Morja, morja narr nit heit, sajen alle faule Leit

Nausgschowa isch nit uffghowa

Müßiggang isch allar Laschder Anfang

Wer zerscht kummt, mahlt zerscht

Wäer Wind sät, dud Storm arnda

A bißla wenichar isch oft mee

Allzuviel isch ungsund

Langi Red, karzer Sinn

Langes Fädla, faules Mädla

A Unglick kummt sälda alla
(Ein Unglück kommt selten allein).

Drau, schau, wem

Da Apfel fällt nit weit vum Stamm

Glick un Glas, wie leicht bricht das

War annra a Grub grabt, fallt selwer nei

War schloft, sindicht nit

War de Grosche nit ehrt, isch da Daler nit wert

War a Mol licht, dem glaabt mar nit,und wann ar d’ Wohret spricht

Liecha henn karza Baa

S isch nix s fei gschpunna, s’ kummt doch an d’ Sunna

Margastund hat Gold M’ Mund

Wann d Kastz aus m Haus isch, danzen d’ Mais

Aa gscheida Mais waren gfangen

Mit Schpäck fangt mar Mais

Jung gfreit, nie gekeit

A voller Bauch studiert nit gern

Mit'm Hut un da Hand, kummt ma durchs ganza Land

Hoffa un harra, macht mancha zum Narra

Redda isch Silwer, Schweiga isch Gold

Viel Licht macht a viel Schatta

Wer rascht, rascht

M gschenkta Gaul, lugt mer nit un’s Maul

Da Mensch denkt, Gott lenkt

Lieb macht blind

Schwarz Brot, macht Wanga rot

Un da Nacht sind alla Katza gro

Mer kann nit gleichzeitich uff zwaa Schuldra Wasser traja

Probiera geht üwar studiera

‘d Katz laßt‘s mausa nit

Wär nit höra will, muß fihla

Unkraut verdarbt nit

Wem nit zu rota, dem nit zu helfa

Sei Eheweib muß man bam erschta Brotlaab zieha

Sag mer, mit wem du gehscht un ich sag dar, wär du bisch

Un jeda Familia ja gibt's a schwarzes Schaf

Was ich ni was, macht mich nit heiß

‘m Ochs, där zicht, dem lad mar noch druff

Un jeder Fingar, wu mer sich schneid tut's gleich weh

Jeder Narr hat sei Kapp

Erscht ziela, noo schießa

Schuschder bleib bei denem Leista

Wu a Willa, isch a aa Weg

Gebrannta Kinna scheien’s Feijar

Un da Not, gehn Taussed Freind uff a Lot

Ehrlich währt ‘m Längschda

Sich rega, brint Seega

Stedar Tropfa höhlt da Staa

Wer gut schmiert, der gut fährt

Spaar un da Zeit, noo hascht in da Not

`s isch no kaa Glehrda vum Himmel gfalla

Wär langsam eilt, kummt grad so weit

Eile mit Weile, sagt der Eilaspiegel

Wie man sich legt, so schloft mar

Hund, die bälla, beiß'n nit

Sparsam isch ka Geiz

Klaana Kinna, klaana Sorja, große Kinnar, großa Sorja

Gottes Mühla mahla langsam, awar gründlich

Wär austaalt, muß aa eistecka kenna

Wär bringt, där trogt

Liwa siewa kinnar uff’m Kissa, als aans uff’m Gwisa

Wu die Not am größschda, isch Gott am nächsta

Wär sich zu arich anlehnt, kann leicht umfalla

‘s Ross hat vier Fieß un stolpert aa

Wa mer da Bättlar uff ’s Ross huckt, reit ar `s tot

Dummhaat un Stolz, wachsen uff am Holz

Viele Hunde sinn des Hasen Tod

Die Kuh, die mar mälkt, metzelt mer net

Eigalob stinkt

Gelegaheit macht Diebe

Wer schnell gäbt, gäbt doppelt

Geteiltes Leid, halwes Leid,
Geteilte Freid, doppelte Freid
Wer viel hat, dem wird gäwe, wer wenig hat dem ward noch gnumme

‘s Eisa sell mar schmieda, solang ‘s haaß isch

Glücklich isch, wer vergäßt, was nimmi zu änra isch
(Glücklich ist, wer vergißt, was nicht mehr zu ändern ist).

Wann mancher Mann wißt, was mancher Mann wär,
gäb mancher Mann, manchem Mann, manchmal mehr Ehr.

Wann das Wartla “wenn” nicht wär, wär mein Vadder Millionär

Besser a Spatz un da Hand, als a Taub uff’m Dach

Besser ma hat's, als ma hetts

Wer gackert, muß aa leja

Geld regiert die Welt

‘s letzschta Hemb hat ka Sack

Wer gebt, der kriegt

Wer viel buckelt, dem ka ma leichdar un da Hinra tredda

Wer hinrem Glas huckt, sell nit mit Staa schmeißa

Un manchem Ballst lugen die Sorja aus alla Fenstra raus

War mit Dräck schmeißt, darf sich nit wunra, wann ar aa Poor Spritzer abkriegt

Wann a alter Schopf brennt, brennt er lichter loh

‘s ward nie so heiß gässa, wie kocht ward

Lang nit nach’m größten Brocka, ar kennt ar’m Hals stecka bleiwa

Weiwar starba, isch kaa Vadarwa,
Roß varrecka, dös sin Schrecka

A Madla dös pfeift, a Hinkla, dös kräht,
denne ghört da Hals um gadreht

Naia Bäsen fäjen gut

Dummheit tut nit weh

S’ Unkraut musch mit Stumpf un Stiel ausrotta, schunsch üwerwucherts da ganza Bodda

Uff a grower Klotz ghört a growar Keil

‘s gäbt kei Rosa una Dorna

Wann Katz ‘m Baam drowa isch, noo isch’s zu spoot

Nafalla isch kaa Schand, awar lieja bleiwa

Wann’s Kind ‘m Brunna drinliegt, helft alles Jammra nimi

Da Hunger isch da beschte Koch

Viele Köch vardarwa de Brei

‘s Glick hat un da kleinschte Hütta Platz

Un mancher Schaal steckt u gutar Kern

Erst wägen, dann wagen

Wer nix wagt, kann a nix gwinna

Jeddar isch seines Glückes Schmied

Baamla sell ma bieja, so lang `s noch wäch isch

A alter Baam sell mer nit verpflanza

Der isch vum Reja unr d’ Trauf kumma

A neier Wei tut ma nit un a alter Schlauch

Kummt Zeit, kummt Roat

Kleider machen Leite

Wu kaa Kläger, isch a kaa Richdar

Wie da Harr, su S’ Gscharr

A Braut, die viel lacht, gäbt a Fraa, die viel heilt

Heirate isch kaa Kappewechsla

A jungi Krächzara, gäbt a alti Keichera

A Muddar kann leichdar zehn Kinnar versorja, wie zeh Kinnar a Muddar

Morgarot, owends Dräck un Kot

Wann sm Essel zu wohl isch, geht er uff’s Eichs und brächt sich die Fiß

Hüt dich vor ‘m ewiga Ja saoga, där soagt aa ja, wann 's um dei Kopf geht

Schmeiß da Staa nit so weit fort, du kennscht na noch a Mol braucha

Nit unarm jede Hut steckt a feinar Harr

Nit immar fallt am s’ Glück un da Schoß, mar muß aa Ebbes dafür tu

War lang frogt, geht lang arr

Wie mar un da Wald neiruft, so kummt's zurück

Jed-er kriegt denna, de ar verdient

Vieles Rutscha macht dinna Hossa

A scharfi Zung kann mäh bläsiera, wie a scharfs Messar

‘s isch nit alles Gold, was glänzt

Tu niemand was Gut's, no kriegscht a ka Udank

Geja Dummhat isch no ka Kraut gwachsa

Wann’s Harz voll isch, lafts Maul üwwar

Un manchem Schofspälz steckt a Wolf drinn

Was Hänschen nit lernt, lernt Hans nimmer mehr

Wer de Schada hat, brauch far de Spott nimmi zu sorja

Schadafreid isch die gröscht Freid

Wer zchletzscht lacht, lacht ‘m längstda

A Unglick kommt selda allaa

Wer zu schnell vertraut, hat oft uff Sand gebaut

Hochmut kummt vor ‘m Fall

Wu a Aas isch, varsammeln sich die Geier

Was nix koscht, isch a nix wert

Druck erzeigt Gegadruck

Kinnar un Narra sajen d’ Wohret

Aam böse Hund gäbt ma zwaa Stückla Brot

Geduld bringt Rosa

Je schöner die Ros, je größer die Loos

Aldi Lieb roscht nit un wann sa siew Johr ‘m Mischt liegt

Wu d’ Lieb nafallt, do bleibt se liega un wann’s uff ‘m Mischthaufa isch

A blinds Hinkala find manchmol a aa Karnla

Dahaam isch dahaam un hinarm Offa isch zwaa Mol dahaam

Eigener Herd isch Goldes wert

Vier Aja sehnen me wie zwaa

Schee isch nit schee, awar schee gatue isch schee

Wer viel greischt, hatt nit viel zu saja

A fauler Apfel kann hunnart asnstecka

Wer sei Kopf zu hoch tragt, stolpert leicht

A Stolprar isch a schhlechter Fallar

Wer nichts neitut, kann nix raushola

Wenna du nit unnarkrieja tuscht, mach dir zum Freind

Wu Geld isch, do isch da Teifel lost, un wu kaan’s isch, do erscht recht

A erfüllter Wunsch bringt hunnard junga

Wann dem die Dummhat weh tu tät, mißt ar da ganza Tag greischa

Wann ma dem de klaana Finger gäbt, will ar gleich die ganza Hand

Dem muß ich mol klorar Wei eischenka

Die sell sich a ihrar eigana Nasa zupfa

Wer sehnt vor lautar Baam da Wald nit

Wa ma de Hund zum Jago traja muß, kaa mars gleich bleiwa lassa

Wer nit will, hat katt un wer katt hatt, brauch nix meh

Die isch arm, wie a Karchanmaus

Des kannscht du dir hinnar d’ Ohra schreiwa

Die macht a Laus zum Haus

Der isch a Laus üwar d’ Läwar gloffa

Die ghört zum alta Eisa

Der tuts Ross vun hinna uffgscharra

Dera muß mar Hunnich um’s Maul rummschmiera

Tu nit wie a Katz um de haaßa Brei rumschleiera

Häng nit gleich alles an d’ groß Glock

Leg doch nit jedes Wort uff d’ Goldwog

Mar hat gmahnt, der kann ka Wässarla drüwa

Der isch mit alla Wassar gwäscha, nar mit kaa sauwrem

Bei dem isch Hopfa un Malz verlora

D’ Katz sell mar nit ‘m Sack kaafa

Der isch bekanntar wie ein roter Hund

Wu viel gfohra ward, do wachst kaa Gras

Do sell erscht amol Gras drüwer wachsa

Der hört 's Gras wachsda

Mit dera haw ich a noch a Hinkala zu ropfa

Die hat Stachla uff da Zunga

A fraa kann mit ‘m Scharz meha aus ‘m Haus traga, als da Mann mit ‘m Heiwaga reifahra kann

Wer angebt, hats nötich

Wan d’ Maus satt isch, schmackt 's Mähl bittar

Dem glaab ich kaa Starweswätla

Bei denna huckt da Hungar jedda Toag mit ‘m Tisch

Nit amol was unnar da Fingarnagel geht, glaab ich dir

Der kanns aa nit durch die Rippa schwitza

Kannscht nit amoä a Aag zumacha

Vun da Reiche lernt mars Spara

Spora kann mar nar, wa mar hat

Der isch sei ganz Lewa nit amol üwer de Karchturm nauskumma

Bei dene werd a nart mit Wasser gakocht

Der kanns ‘s Wasser a nit da Barg nufflafa lassa

Bei dene daham hängt da Brotkorb arich hoch

Redewendungen und sonstige weise Sprüche

Ich gäbb dir mei deitsches Ehrawart

Uff dem sei Wart gäw ich ka Silwarling
(Auf dem sein Wort geb ich nichts.).

Der isch wie a Wetterhahna, dräht sei Kittala nach alla Seite

Der mecht sich a rot's Röckla vadiena

Denna kannscht var a Schnupfduwack hawa

Ich hab Hungar, wie a Wolf

Der hat gheult, wie a Schloßhund

Du brauchsch nix meh hinnar Barg halta, ich waas alles

Des isch doch alles fer d’ Katz

Wenn ich des gwißt hett, hett ich kaa Fingar meh krumm gmacht

Do mecht mar ‘m liebschda uff da Sau naus

Do mecht ma naus, wu ka Loch isch

Do isch s’ Kälwla gschidar als d’ Kuh

Vaglag mol da Teifl bei seinra Großl

Do nogeha, wu dar Kaiβar aa zu Fuß geht

Der hört ‘s Gras wachsa

Stille Wassar gründen tief

Der tut am liewschta mit ‘m Trüwa fischa

Wann ‘d Wand nit wär, hätt’s Haus a Loch

Ich schlag dich karz un klaa

Die sehn ich ‘m liebschta vun hinna

A jeder hat sei Päckla zu traja un a jeder maant, sein’s isch ‘s gröcht

Mar kann nit gleichzeitig uff zwaa Huchziga tanza

Un da Not, freßt da Teifel Micka

Je höher mar nuffsteigt, um so tiefer fallt mar

Scheeheit vergeht, Tugend besteht

Wer üwerm Higel isch, isch no lang nit üwarm Barg

‘s Varsprecha kann ma brecha

Un manchem rota Apfel isch da Wurm drin

Zum Streita gehören imma zwaa

Nit immer gleich alles üwers Knie brecha

Jedes Messer hat zwaa Seita

‘s grüna Holz kannsch noch bieja, ‘s alda musch brecha

A dös Blatt ward sich widdar Möa rumdrehja

Nit immar isch d’ Gluck gscheitar wi's Hinkala

Du kannscht dich drähja un wenda wie willscht, du bisch immer da Dumma

Bei dem isch a da Worm drin

Niemand kann üwer sei eijana Schatta springa

Der hat mar ‘s Bloa vum Himmel runnar varsprocha

A Brick sell mar nit hinnar sich abbrecha

Gutes Gwissa, sanftes Ruhekissa

Glaawa haaßt nix wissa

Där hat die Gscheitheit mit ‘m Löffel gessa0

Drohungen

Ich hau dich windelwäch

Vun heit ab warren anra Saita uffgzoja

‘s nächsta Mol machscht dei Ohra uff

Dir ward ich die Levitta valesa

Kumm narr ham , ‘s Handtuch isch scho rummgadräht

Vun dir lass ich mich nit runnarkanzla

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Bei dem sin die Aoja aa größer wie da Maoja

Der muß sich erscht amol d’ Harnar abstoßa

Die laßt sich alla Schaltjohr amol sehn

Die haw ich ghiet wie mei eijenar Augapfel

Madla lug nit so viel un da Spiejl nei

‘s könnt amend da Taifl drin sei

Un eh du duschst vaspira

kannar dich zu Hochmut un Grattl vaführa

Sprüchlein zur Fastnacht

Leit gäbbt Eier un Späck raus, sunschd kummt da Fuchs uns Hühnahaus

Sprüchlein zu Ostern - Karfreitag

Wir haben grätscht fars heilich Grab
und bitten jez um eine Gab
A Gab nit so groß un nit so klein
No wella mar eich a recht dankbar sei

“Pioniere”

Es war im Jahre 1936, meine zwei Brüder und ich besuchten die sechste Klasse der Mittelschule im Dorfe Elsasβ. Obwohl mein Bruder Pius und ich über Jahre hinweg gute Zeugnisse bekommen hatten, gingen wir bei der jährlichen Preisverleihung immer leer aus. Das fuchste uns sehr. Vom Lehrer erfuhren wir auch den Grund: Weil wir keine Pioniere waren. Aber auch wir hatten dafür einen plausiblen Grund.

Unsere Mutter hatte es uns, unter Androhung einer Tracht Prügel strengstens verboten, bei den “Antichrista” (Antichristen) einzutreten. Was meine Mutter versprach, das hielt sie auch. Gleichzeitig hatte sie es uns eingeschärft, es niemandem zu verraten, daß sie dahinter steckte. Wir sollten sagen, wir hätten kein Jnteresse daran, weil man da so vieles tun muß und dabei das Lernen zu kurz käme. Und wir wären doch so gern dabei gewesen, vor allem ich, schon der Uniform wegen, der schönen, weißen Bluse mit dem roten Halstuch und dem blauen Rock. Endlich hätte ich dann etwas Vernünftiges zum Anziehen gehabt. Ich verstand meine Mutter nicht mehr. Da jammert sie dauernd, sie wisse nicht mehr, wo sie das Geld hernehmen solle, um das Allernotwendigste kaufen zu können. Hier würden wir es geschenkt bekommen und sie lehnt es entrüstet ab.So sehr wir auch darum baten, und ihr die Vorteile auch schmackhaft machen wollten, sie blieb eisern und konterte verärgert:"Ich bin doch ka Judas, daß ich fer a rots Halstuch mein Glauben verrate tue."

Als dann bei der Preisverleihung wieder einmal der Lehrer wieder an uns herantrat, uns die Vorteile einer Mitgliederschaft bei den jungen Pionieren in den schillerndsten Farben vor Augen führte, zum Beispiel bekämen wir neben Preisen auch mehrwöchige kostenlose Erholungen in den Pionierlagern während der Sommerferien, verbunden mit abenteuerlichen Exkursionen und ähnliches mehr, da konnte ich de Versuchung nicht mehr länger widerstehen und sagte ja. Da sagte auch mein Bruder Pius ja. Voller Freude verkündete auch der Lehrer vor versammelter Schulklasse, daß wir von nun an zwei Pioniere mehr in der Klasse hätten, nämlich die Maria und der Pius. Der Lehrer hatte kaum die Namen genannt, da sprang unser Bruder Adolf auf, streckte seine geballte Faust in die Luft und schrie:"Kummt nur ham! Die Mutter gebt eich Pioniere!" Der Lehrer wurde aschfahl im Gesicht.

Er wußte es viel zu gut, welche Konsequenzen es für unsere Mutter haben könnte, falls dieser Vorfall an bestimmte Personen herangetragen würde. In fast jeder Klasse waren Denunzianten und fast jede Nacht verschwanden Menschen auf Nimmerwiedersehen. Selbst unser Direktor blieb davor nicht verschont. Da war es begreiflich, daß die Lehrer- nervös und ängstlich waren. Man spürte fast körperlich die knisternde Spannung, die in der Luft lag. Die Mitschüler schauten mit unbewegten Gesichtern auf den Lehrer und bestimmt war die stumme Frage, wie wird er sich aus dieser gefährlichen Lage heraus-reden.

Plötzlich verbreitete sich auf dessen Gesicht ein übermütiges Lächeln und er sagte zu unserem Bruder:"Komm, setz dich! Du bist ja nur neidisch auf die zwei. Eure Mutter hat gar nichts dagegen. Erst gestern habe ich mit ihr darüber gesprochen." Die Lage war gerettet und mir fiel ein Stein vom Herzen. Nun brauchen wir ja keine Angst mehr vor  Mutter zu haben, wenn sie es endlich erlaubt hat.

Aber ich habe mich zu früh gefreut. Als die Schulstunde dann vorüber war, rief der Lehrer uns wieder zu sich heran und sagte: "Eilt schnell nach Hause und richtet eurer Mutter aus, daß ich sie unbedingt heute noch sprechen muß." Seines Stimme wurde traurig, als er sagte: "Es stimmt nicht, daß ich eure Mütter gesprochen habe; es war eine Notlüge,"

Nun war sie wieder daa die Angst, stärker als zuvor. Jetzt wurde es uns erst bewußt, was wir angestellt hatten. Wir gingen keineswegs schnell nach Hause, im Gegenteil. Wir drödelten so langsam vor uns hin um den gefürchteten Augenblick des Wiedersehens mit unserer Mutter recht lange hinauszuschieben. Dann standen wir vor dem Haus. Da wir wußten, daß unserer Bruder Adolf uns vorausgeeilt war und Mutter die Hiobsbotschaft bereits überbracht hatte, befürchteten wir Schlimmes.

Klopfendes Herzen betraten wir die Stube. Da kniete Mutter mit aufgekrempelten Ärmeln auf dem Boden, vor ihr ein alter Blecheimer, gefüllt mit einem Gemisch aus Lehm, Wasser und frischem Kuhmist und war eifrig damit beschäftigt, unseren Stubenboden auf Hochglanz zu bringen für den hphen Besuch, der sich so plötzlich angesagt hatte. Sie drehte sich nach uns um, streckte ihre schmutzige Hand nach uns aus und schimpfte: "Ihr könnt dem Herrgott danke, daß ich jetzt keine Zeit hab, sonst hättet ihr was erlebt. Aber vergessen ist es nicht."

Der Lehrer kam und Mutter sah ein, daß es hier kein zurück mehr gab, ohne uns alle zu gefährden. Eines hatte sie sich doch ausbedungen: Das rote Halstuch durften wir zu Hause nicht tragen. Da es aber für die Pioniere Pflicht war, das Tuch jeden Tag zu tragen, banden wir es erst um, als wir außer Haus waren und nahmen es ab, bevor wir wieder ins Haus gingen. Heute bin ich selbst Mutter, ich bezweifle, ob ich zu solch mutiger Handlung fähig gewesen wäre. Und solche wie sie gab es Tausende.

Die naja Schuk

Strahlend stand unsere jüngste Tochter, mit gelben Schuhen an den Füßen, vor mir. "Schau mal her, Mutti, sind die nicht toll? Soeben gekauft!" "Mußte das sein? Du hast dir doch erst letzte Woche ein Paar gekauft!" "Aber Mutti, die sind doch blau und zu meinem gelben Overall, dazu passen doch nur gelbe. Aber das verstehst du nicht." Nein, das verstand ich nicht. Meine Gedanken kehrten 50 Jahre zurück zu meiner Kindheit. Als wir raskulatscht und arm wie die bekannte Kirchenmaus, nach vielen Entbehrungen und endlosem Suchen im Jahre 1933 im Dorfe Elsasβ bei Odessa eine vorläufige Bleibe fanden, waren wir sehr glücklich. Unser neues Zuhause war ein "Einzimmerappartement" für 8 Personen-  heute sagt man “Biohaus” dazu.

Das Dach aus Stroh, die Wände aus Lehmziegel, der Boden aus gestampftem Lehm. Die Fußbodenpflege: Lehmbrei, dem man einige Handvoll frischen Kuhmist beimengte, verteilte man auf dem Boden, schmierte ihn glatt, und überpuderte ihn mit feinem Sand. Zu besonderen feierlichen Anlässen streuten wir Kinder allerlei heimische Wiesenblumen über den frisch geschmierten Boden. Bei den heißen, staubigen Sommer in unserer alten Heimat war solch eine Art von Bodenpflege eine kühlende Oase für die erhitzten Körper.

Nun war der heiße Sommer zu Ende, auch der Herbst ging zur Neige, meine jüngere Schwester und ich hatten immer noch keine Schuhe zum Anziehen. Den Sommer über bis spät in den Herbst hinein liefen wir barfuß, wie fast alle bei uns zu Hause. Nun wurde es schon empfindlich kalt und so fragten wir immer öfters: “Wann krijenar endlich unsane naja Schuh?”

Eines Tages, als wir wieder mit blaugekrorenen Füßen von der Schule nach Hause kamen, sagte unsere Mutter: "Kinnar, eier naja Schuh sin fartich!”  Vor Freude wären wir am liebsten an die Decke gesprungen. Endlich feste, warme Schuhe an den Füßen!

"Wu sind se? Zägtsa doch!” drängelten wir. "A, Schuk sins kani" dämpfte Mutter unsere Begeisterung. "Walenki, schena, warma Wattestiffl, ich habsa selwer gemacht." "Walenki? "kam es enttäuscht aus unserer beider Mund. "Die ziehjemer nit an!" "Jetzt wart doch a mol, bis ar sa gseh na habt!" sagte Mutter und eilte zum Elsabettla, hob das Kopfkissen und brachte uns die Walenki. "Da probiert sa mol an, ob sa passen." Und stellte sie vor uns hin. Wir probierten sie an und die wunderbare, mollige Wärme, die sich an unseren klammen Füßen breit machte, milderte unsere Enttäuschung.

Als wir dann mit ihnen einige Male in der Stube auf und ab gingen, gegannen sie sich selbstständig zu machen und rutschten immer mehr nach vorne, weil Mutter es vergaß, Fersen in die Walenkis einzunähen. Meine Schwester jammerte: "Awer mit deni Walenki allan kenne mar doch nit uff d’ Stroß, die verliere mer jo, do brauche mar Galosche driwar." "Die hämmer a!" triumphierte Mutter. "Natz", wandte sie sich an unseren Vater, der es, soweit ich mich zurück erinnern kann, `s immer im Kraiz hatte, stand umständlich auf, schlurfte ebenfalls ans Elsabettla, bückte sich stöhnend und holte die “Galoschen” hervor.

Den Gesichtsausdruck meines Vaters, in dem Augenblick, als er die “Galoschen” vor uns hinstellte, kann ich mein Leben lang nicht vergessen. Er schaute uns so unglücklich und verlegen an, in seinen Augen war ein abgrundtiefer Schmerz, über seine Ohnmacht uns Kindern nicht mehr helfen zu können.” "Da Kinner, do sin sa, schöner hab ich se nit nogebrocht. Ich bin jo kei Schuhmacher," sagte er traurig, und setzte sich wie ein gebrochener Mann auf die Kante des Eisenbettchen. Was Vater da vor uns hinstellte, das verschlug uns die Sprache. Ein, aus einer grobe, steifen Sauhaut mit ungeschickten Händen zusammengebasteltes Gebilde, welches sichseitlich hochgebogen und vorne und hinten spitz zulief, das mit ungleichen groben Stichen zusammen genäht war, war alles Andere, nur keine Galoschen.

Als erste fand ich wieder die Sprache. "Das sellen Galoschen sein? Des sin jo Lodka! Ihr glaubt doch nitt,  m' Arnscht, as mar so da Batschka in d’ Schul anziehen, die lache sich jo bucklich über uns." Verbittert und totunglücklich gingen wir zu Bett mit dem heiligen Schwurr, lieber sich die Füße abfrieren zu lassen, als uns dem Gespött der ganzen Schule auszuliefern. “Du, Marie,” flüsterte meine Schwester, “mer zi jensa an un gehn ganz früh fort, wanns noch duschdar isch, so sehn uns ka Mensch." "Awar mir müssen doch wieder am Mittag ham, un do isch hell" erwiderte ich unter Tränen. Am anderen Morgen war frischer Schnee gefallen und uns blieb nichts anderes übrig als unsere “naja Schuh” anzuziehen.

Wir hatten die Lage schon richtig eingeschätzt; als man uns mit den neuen Schuhen sah, gab es einen regelrechten Auflauf. Man lachte und amüsierte sich köstlich über die neue Erfindung unserer El tern. Wir wären vor Scham am liebsten in den Boden versunken. Da machte unser Lehrer dem Gespött ein Ende, indem er den Mitschülern erklärte, daß es auch Not gäbe, ohne Schuld der Eltern.

Heute, viele Jahrzehnte danach, bin ich selbst Mutter mehrerer Kinder und ermesse, welch unsagbar großes Opfer und welchen Heldenmut Eltern zu jener Zeit aufbringen mußten, um ihre Kinder über jene schwere Zeit hinüber zu retten.

“S’ eiblaafana Hemb” (Das eingelaufene Hemd)

(von Maria Schumm)

Juni 1944. Endlich! Nach einem über dreimonatigem, strapaziösen, entbehrungsreichen Fußmarsch wird unser Trek in Ungarn, in der Nähe von Budapest, in Güterzügen verladen. Schwer war der Abschied von unseren treuen Überlebungshelfern, den Pferden und Kühen, die wir hier zurück lassen mußten. Obwohl unsere neue Unterkunft sehr spartanisch eingerichtet war und es in den Waggons viel zu eng zuging, waren wir überglücklich. Endlich nicht mehr zu Fuß gehen zu müssen, nicht mehr schutzlos dem Regen, der Kälte und der starken Hitze ausgeliefert zu sein. Zudem erhofften wir mit dem Zug schneller das von uns so heiß ersehnte Ziel, unsere heue Heimat, den Warthegau, zu erreichen. Eine Nacht nur dauerte die Fahrt; dann stand unser Zug nur einige Kilometer vor dem Hauptbahnhof Budapest wieder. Man sagte uns, daß in der vergangenen Nacht hier ein mehrstündiger, schwerer Bombenangriff stattgefunden habe. An ein Weiterfahren sei vor zwei bis drei Tagen nicht zu denken, da alle Gleise zerstört seien, vorausgesetzt in den nächsten Tagen findet kein neuer Luftangriff mehr statt.

Der Tag war schön, der Himmel blau und die Sonne schien warm. In der nahen Donau spiegelten sich die Sonnenstrahlen in dem bläulichlichgrünen Wasser des träge dahin- fließenden Flusses. Was hätte das für ein herrlicher Tag sein können! In anderen Zeiten! In Friedenszeiten!

Um uns von der inneren Angst und Unruhe abzulenken, gingen wir zur nahen Donau. Die Männer, soweit es sie bei uns noch gab, nutzten die Gelegenheit zu baden. Auch die Kinder und Jugendlichen. Die Frauen nutzten die Gelegenheit, um nach langer Zeit endlich wieder einmal "Große Wäsche" zu machen.

Eigentlich gab es nicht viel zu waschen, denn viele hatten an Kleidung nur das, was sie auf dem Leib trugen, so auch mein Bruder. Ein Unterhemdchen, ein Oberhemd, eine Turnhose, eine lange Hose, das war's schon. Umsomehr mühten sich die Frauen, diese wenigen Kleidungsstücke, die inzwischen recht schmutzig geworden waren, auch ohne weiß- und reinmachendes Waschpulver und Waschmaschine, wieder sauber zu bekommen.

So standen sie nun, die Röcke hochgebunden, bis zu den Knien im Wasser. Sie seiften die Wäschestücke mit der immer kleiner werdenden, selbstgekochten Kernseife, die sie wie ihre Augapfel hüteten, zuerst mal kräftig ein. Dann schrubbten sie, mangels eines Waschbrettes die Wäsche mit ihren Händen auf einem glatten Felsbrocken und schlugen sie zwischendurch kräftig von allen Seiten auf den glatten Stein. Zum Spülen der Wäsche, wateten sie sie noch einige Schritte weiter in den Fluß hinein, wo das Wasser und rein, frei von der Seifenlauge, war. Die Wäsche wurde dann auf umherliegende Felsenstücke oder auf das spärliche Grün am Ufer der Donau zum Trocknen ausgebreitet.

Dann gönnten sich die fleißigen Frauen auch ein erfrischendes Bad. Den Unterrock anbehaltend, seiften sie sich tüchtig ein, schrubbten sich fast so, wie vorher ihre schmutzige Wäsche und tauchten dann einege Male unter Pusten und Schnaufen bis zum Hals ins Wasser. Der Abend nahte.

Je weiter er fortschritt, desto größer wurde unsere Angst. Für den Fall eines Angriffs hatten wir uns schon am Tage einen “Luftschutzbunker” ausgesucht, die nah gelegene, steinerne Brücke, die über die Donau führte. Wir legten uns uns nun in den Waggons zum schlafen auf den mit Stroh ausgebreitetem Lager nieder. So lag nun Männlein neben Weiblein dicht beieinander. Wegen der Schwüle und Hitze, die in diesem engen Raum herrschte, entledigten sich fast alle der Oberkleider. So auch mein Bruder. Er schlief mit einem “Maikela” (Unterhemd) und “Trussi” (Sporthose). Sein frisch gewaschenes Hemd legte er zusammen mit dem Bündel unserer wenigen Habseligkeiten, unter seinen Kopf. Oberhalb, Kopf an Kopf von ihm, lag Bäsl Maddlä (Tante Magdalena, eine nahe Verwandte). Sie war eine große, schlanke Frau. Plötzlich war er da, der Angriff!

Alarm!! In sekundenschnelle waren wir wach. Ein Schreien, Zerren, Fluchen durchdrang den engen Raum. Es herrschte solch ein Durcheinander, daß man Mühe hatte, seine eigenen Beine “zu finden”, geschweige denn all seine Kleider, denn es war ja stockfinster. Da rief auch schon mein Bruder ärgerlich:"Was hette nar mit mein Hemb gemacht? Des isch jo so eng, aß ich fascht niemmi neikumm!" (Was habt ihr mit meinem Hend gemacht?  Das ist ja so eng, daβ ich fast nicht mehr hinein kommme!)

“Ha, des haw ich doch gwäscha heut'" sagte Mutter. "Des isch eiglaafe!" Da rief auch Basl Madle: "Mei Rock (Kleid)  isch eiglaafa! Awwar ruffzusich! `s geht maer nitomol meh bis un mei Knieschüssela!" (mein Kleid ist auch eingelaufen? Aber von unten rauf. Es geht mir nich eimel mehr bis zu den Knien). "Rauβ" schrien einige. Alles drängte nach draußen. Da fielen auch schon die ersten Bomben. Über uns brach die Hölle aus. Ein Bersten, ein Krachen, ein mörderischer Lärm. Neben unserem Gleis stand ein Viehgüterzug mit lebenden Schweinen, die auch vor Angst furchtbar schrieen. Wir rennten so schnell uns unsere Füße trugen zur nahen Steinbrücke. Da! Ein greller Lichtschein! Für Sekunden war es taghell.

Was ich da nun vor mir sah, grug sich tief in meine Erinnerung ein. Vor mir lief mein Bruder. Mit dem Bündel unseres ganzen Reichtums, auf dem Rücken. Sein “einglaafenes Hemb” war nichts anderes, als das Kleid von Bäsl Maddla. Um überhaupt laufen zu können hielt er mit der linken Hand das lange Kleid hoch. Ein Bild zum Ergötzen, wenn es nicht so ein trauriger Anlaß gewesen wäre.

Einige Schritte nach ihm lief keuchend Bäsl Maddle - in was denn sonst- im “Hemb” meines Bruders: Dem “eiglaafene Rock von ruffzusich.” Es war bei ihr nicht schlimm, denn unter dem Hemd trug sie einen schwarzen, langen Unterrock. Unter der Brücke angekommen mußten wir nun einen lang andauernden Angriff über uns ergehen lassen. Eng aneinander gedrängt standen wir zitternd, betend und manche auch weinend und hofften, das Inferno möge doch bald vorüber gehen. Zum Glück gab es bei uns keinen Volltreffer. Der Angriff galt wohl dem entfernt liegenden Hauptbahnhof. Endlich war alles vorüber. Glücklich und dankbar, daß wir wieder einmal heil davon gekommen sind, gingen wir in unsere Waggons zurück. Hier konnten die beiden ihre vertauschten Kleider wieder umtauschen. Für Spott und Gelächter brauchten sie jedenfalls nicht zu sorgen.

Bebls

Eines der schönsten und beliebtesten Spiele die wir kannten. Die Bebel wurde von uns selbst gemacht. Von Ziegelsteinen schlugen wir kleine Stücke ab und rieben sie so lange an harten Gegenstände bis sie die Form einer Murmel hatten. Sie durften aber nicht zu glatt sein, sondern griffig und mußten kleine Kanten haben.

Gespielt wurde auf dem Boden. Man saß im Kreis, es konnten beliebig viele Kinder mitspielen. Zum Spiel brauchte jedes Kind 5 Bebel. Das Spiel hatte folgende Einteilung: Das Erstel, das Zwäitl, das dritte der Topf, das Gägarla und das Wennerla. Für Fortge schrittene gab es noch das Brustklopfen, das Maulbeeressen, das Hühner nei treiwe.

Das Erstl: Man breitet die Bebl mit einem leichten Wurf auf dem Boden vor sich aus. Nun nimmt man ein Bebl, wirft es in die Luft greift sich das 2. und fängt das hochgeworfene wieder auf. Nun hat man zwei Bebl in der Hand. Man wirft wieder eins in die Luft und greift das 3. Bebl und so auch das 4.

Das Zwatl: wieder wirft man alle Bebel auseinander. Man nimmt ein Bebl, wirft es hoch und jetzt nimmt man zwei Bebl auf einmal auf und fängt das hochgeworfene wieder auf.

Das Drittl: Erst 1 Bebel aufheben, dann 3 auf einmal.Bebel auffangen indem man das erste wieder hinten aus der Hand wieder herausfallen läßt und das in die Luft geworfene wieder auffängt. So fährt man fort bis alle Bebls dran waren.

Der Topf: Ein Bebl hochwerfen, alle 4 zussamen aufnehmen und das hochgeworene Bebl wieder auffangen.

Das Gägärla: Ein Bebl in die luft, ein Bebl aufnehmen, Bebl auffangeiz indem man das erste aufgenommene wieder hinten aus der Rand wieder herausfallen läβt.  Und das in die Luftgeworfene wieder auffängt.  So fährt man fort bis alle Bebl dran waren.

Das Wennela: Man hat alle 5 Bebl in der Hand, die Hand ist zu einer Schale geformt, nun wirft man alle 5 Bebl hoch, wendet die Hand so daß der Handrücken oben ist. Nun versucht man mit dem Handrücken möglichst viel Bebl aufzufangen. 1 Bebl zahlte 10 Kopeken. Wer die meisten Bebl aufgefangen hatte durfte da weiter machen, je nachdem welche Zahl er hatte. Hatte er 1 Bebel, so war e rim; hatte er 2, so durfte er im Zwätl weiter machen u.d.w.

Des Brustschlagen: Während man ein Bebel in die Höhe wirft greift man sich das 2. macht eine Faust, klopft damit an die Brust und fängt das in die Luftgeworfene wieder auf. So weiter machen bis alle Bebel dran waren.

Das Maulbeeressen: 1 Bebel hochwerfen, in aufnehmen, in den Mund stecken, das hochgeworfene auffangen, wieder hocherfen, das Bebl aus dem Mund nehmen das hochgeworfene wieder auffangen.

Das Hühner reintreiben: 1 Bebl hochwerfen und die 4 liegen gebliebe Bebl in den Stall hinein stoßen. Den Stall bildet man mit der linken Hand. Der Daumen wird von den übrigen Fingern so gespreizt, daß eine Höhle entsteht, der Stall. In diesen Stall stößt man so lange ein Bebl nach dem anderen, bis man alle drin hat. Also 1 Bebl in die Luft, 1  Bebl in den Stall, Bebl auffangen, wieder hochwerfen und das 2. in den Stall.

Wir haben dieses Spiel sehr gerne und oft stundenlang gespielt. Es war ein sehr billiges Spiel, das uns nichts kostete. Es konnte zu jeder Jahreszeit gespielt werden. Allerdings, dauerde es eine geraume Zeit, bis man das Spiel gut beherrschte. Langjährige Spieler, hatten schon solche Fingerfertigkeiten, die schon an Zauberei grenzten. Ich habe es versucht meinen Kindern beizubringen aber da sie bei ihren Spielkameraden keinen Anklang fanden, verloren auch sie die Lust dar an. Ich beherrsche es heute noch und trotz meiner 63 Jahren, setze ich mich manchmal ganz ungeniert auf den Boden und spiele mit mir Bebsl und da tauchen Erinnerungen an meine Kindheit und an meine Spielfreunde auf und ich vergesse für eine kurze Zeit alles um mich herum.

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