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Das Bessarabienkreuz

Es steht an der Straße von Blankenrath nach Walhausen / Hunsrück.

Quelle:
Werner Geisen „Geschichte der Pfarreien Blankenrath und Tellig“ 1981
Diese Geschichte wurde veröffentlicht im Heimatjahrbuch Cochem – Zell 2006,
Seiten 197-199


Am südwestlichen Ortsausgang, links der Straße Blankenrath-Walhausen, steht ein hochaufragendes Holzkreuz. Es erzählt uns ein Stück Lebens- und Leidensgeschichte einer Familie, die von Umsiedlern mehrmals zu Vertriebenen wurde.
Das Kreuz weicht in seiner Darstellung von den uns vertrauten einheimischen Kreuzen ab.

Ein Betonsockel in Form eines Sechseck – Pyramidenstumpfes, mit der Höhe von 1,00 m und der Durchschnittsbreite von 1,30 m, bildet den Unterbau. Auf diesem erhebt sich 2,75 m hoch, mit einem Querbalken von 1,50 m das Kreuz. Es ist ein braunes, vierkantiges Balkenkreuz aus Eichenholz (Balken 0,13 m x 0,13 m) mit auf-gesetzten, kugelförmig verzierten Enden.

Außer dem bronzierten Christuscorpus mit der Inschrift INRI sind die Marterwerkzeuge, wie Hammer und Zange (je 0,21 m), ein Spieß mit aufgestecktem Schwamm und eine Lanze (je 1,05 m), auch eine kleine Leiter (0,60 m lang) aus Holz gefertigt und am Kreuz angebracht.

Auf der Vorderseite des Betonsockels ist eine Tafel eingelassen, auf der zu lesen steht:

0, Wanderer stehe still
und denk an Deine Seele!

Gestiftet von Familie Josef Seifert.

Die Familie Seifert, deren Vorfahren schon seit 1815 in Krasna/Bessarabien gelebt hatten, wurde 1940 von dort umgesiedelt. Nach zehnjährigem Umherirren fand sie hier in Blankenrath eine neue Heimat. Aus Dankbarkeit, nun endlich von den Strapazen und der Not der Flüchtlinge erlöst zu sein, ließ der Familienvater Josef Seifert im Jahre 1952 ein Kreuz anfertigen. Es musste genau so sein, wie es ehemals etliche in Krasna, einem großen Dorf der Bessarabiendeutschen, gab. Bald darauf wurde das Kreuz errichtet und kirchlich geweiht.

Hier lesen Sie die Geschichte, die ein niedersächsischer Reporter nach einem Interview mit Josef Seifert und seiner Familie in einer Zeitung veröffentlichte:

Von Bessarabien an die Mosel
„ Josef, Du trägst ein schweres Kreuz auf den Kalvarienberg!“

Auf der Straße der tausend Schlaglöcher, die sich von Hamelspringe über Bad Münder zur Kreisstadt erstreckt, folgt einem mit Hausrat beladenem Trecker ein Pferdegespann vor einem strohgefüllten Kastenwagen. Tags zuvor noch peitschten die Regenschauer über Süntel und Deister und füllten die Schlaglöcher, heute aber sendet die Sonne für kurze Zeit ihre Strahlen durch das Gewölk. Neue Hoffnung ist in das Herz des Mannes auf dem Wagen eingekehrt, der Hans und Orlik, seine beiden Pferde, zur Eile antreibt. Denn Josef Seifert, der Bessarabiendeutsche, gehört zu jenen, die in diesen Tagen nach Westen weiter wandern, um eine neue Heimat zu finden. Zehn Jahre schon sucht Josef Seifert Heimat und Heimstatt! An diesem Morgen steigt in seiner Erinnerung jener 10. 0ktober 1940 auf, da er das Dorf seiner Väter, Krasna in Bessarabien, verlassen musste. Jenes Dorf, das damals 125 Jahre bestand, wie auch die Nachbardörfer Leipzig, Teplitz und Paris. Der Großvater hatte noch erzählen können, wie seine Eltern einst aus dem Schwarzwald nach dort kamen, sich Wohnlöcher in die Erde gruben, bis deutsche Bauernhäuser aus dem Boden wuchsen. Damals, als man hier 40 Hektar für einen Liter Schnaps erwerben konnte. 125 Jahre, durch 4 Generationen, hatten sie auf ihren Höfen gesessen und gearbeitet und dabei die Muttersprache, den süddeutschen Dialekt, nicht vergessen. Sie blieben Deutsche bis auf den heutigen Tag.

Am 10. Oktober 1940 aber begann der große Treck. Die Umsiedler waren: der Großvater: Leopold Seifert, die Großmutter: Ludwina geb. Weber, der Vater: Josef Seifert, die Mutter: Katharina geb. Söhn, die Kinder: Annemarie, die älteste, geboren am 1.3.1933, Lydia, geboren am 24.3.1935, Radegunde, geboren am 29.8.1938. Zunächst ging es nach Galatz, dann auf der Donau bis Belgrad, von dort nach Pirna. 1941 wurden sie in Wulfsiedel, polnisch Wilkowo, bei Bromberg angesiedelt, wo Josef Seifert wieder 84 Morgen unter den Pflug bekam. Hier wurde im Januar 1942 Sohn Josef geboren, der aber nach 2 Jahren am Keuchhusten verstarb. Am 4.7.1943 wurde Eduard geboren. Drei Jahre Arbeit, und wieder schlug die Abschiedsstunde. Am 26. Januar 1945 spannte Josef Seifert Hans und Orlik vor den Wagen, der die hochbetagten Eltern, sein Weib Kathrin und die Kinder barg, und er zog westwärts. Westwärts ging es durch Deutschland, wochenlang und manche kalte Nacht auf der verschneiten Straße. Oft musste der Wagen aus dem Schnee geschaufelt werden.

Zwillinge wurden geboren und starben, Sohn Stephanus kam am 13.04.1945 zur Welt und überlebte. Die Eltern konnten schon lange nicht mehr allein den Wagen verlassen. Josef musste sie aus dem Wagen in die Quartiere und zurück auf seinen Schultern tragen. Niemals wird er die Karwoche 1945 vergessen, als er die Mutter keuchend trug und sie ihm sagte: „Josef, Du trägst ein schweres Kreuz auf den Kalvarienberg. Lass uns Alte an der Straße liegen und ziehe allein weiter...“

Die Eltern waren müde geworden. Am ersten Osterfeiertag starb die Mutter, zwei Tage darauf der Vater. Unter dem Beschuss von Tieffliegern bettete Josef beide in die Erde von Schneverdingen....

In der Lüneburger Heide ging die Front über sie hinweg. Dann ging es weiter über Hannover nach Hamelspringe, in jenes Dorf im Sünteltal, das über 4 Jahre der Familie Seifert zur dritten Heimat werden sollte. Ein weiterer Sohn wurde geboren, den sie auch Josef nannten, aber auch er starb nach 2 Jahren am Keuchhusten. Josef Seifert arbeitete in der Landwirtschaft, die Pferde kamen auf die Koppel. Es war Sommer und die Arbeitskräfte waren gefragt. Dann aber kam der Winter, und als Josef in den ersten Tagen des Dezember, als die Koppel zuschneite, fragte, wo er seine Pferde unterstellen könne, erhielt er die Antwort: „Schlachten oder verkaufen Sie sie!“ „Niemals!“ erwiderte Josef.

Bis weit ins Sünteltal hinein musste Josef Seifert sich in der Folgezeit das Futter für Hans und Orlik zusammen holen. Der Kartoffelkeller seiner Deputatwohnung wurde zum Pferdestall. In der Folgezeit spannte der deutsche Bauer aus Bessarabien Hans und Orlik vor seinen Wagen und holte das Holz aus dem Süntel und Deister.

Auch hier hatte er keine Heimat gefunden, und so stand er denn vor einigen Wochen vor der Umsiedlungskommission aus Rheinland-Pfalz und bat um eine neue Heimat für sich und seine Pferde. Obwohl nur Kleinvieh bei der Umsiedlung mitgenommen werden sollte, erhielt er eine Sondererlaubnis. Hans und Orlik durften mitkommen, nachdem man von der Geschichte dieser beiden Pferde gehört hatte.

Hieran und an vieles andere erinnert sich Josef Seifert in dieser Abschiedsstunde. Auf dem Bahnhof von Springe denkt er zunächst an seine Pferde, dann an die Seinen. Der Kreis Zell an der Mosel ist die vierte Heimat der Vertriebenen. Dort legen Schiffe an, die entladen werden müssen. Vielleicht kann man hier mit Hans und Orlik ein kleines Fuhrgeschäft gründen.
Josef Seifert hatte sich geirrt. Mit dem Fuhrgeschäft wurde es nichts. Bereits in Bullay beim Ausladen hatte er Pech. Sein geliebtes Pferd Hans scheute trotz aller Vorkehrungen, geriet in Panik und brach sich ein Bein. Hans musste erschossen werden.

Zunächst für kurze Zeit in Löffelscheid, dann in Blankenrath fanden die Vertriebenen ein Unterkommen. Nach einiger Zeit konnte Josef Seifert das „Hasslersch – Haus“, Walhausener Straße Nr. 16, von einem gewissen Herrn Hackenbruch aus der Eifel erwerben. Für Orlik gab es keine Arbeit, also musste er verkauft werden und kam nach Gödenroth.

Opa, Oma und vier Kinder waren seit ihrem Auszug am 10. Oktober 1940 verstorben. Jetzt bestand die Familie noch aus den Eltern, drei Mädchen und zwei Jungen.

Josef Seifert arbeitete als Gruben- und Bauarbeiter, um seine Familie zu ernähren. Er starb plötzlich am 30.7.1960. Seine Frau folgte ihm am 24.3.1989. Beide wurden in Blankenrath beerdigt.


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