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Wir Haben Kein Problem, wir Sind das Problem

Der Boxclub 77 und Nürnberger Streetworker Zeigen, daß Sich Junge Spätaussiedler Einbinden Lassen

Riedl, Von Fritz und Ritzer, Uwe. "Wir Haben Kein Problem, wir Sind das Problem." Süddeutsche Zeitung 18, 23-24 January 1999, 51.


In der Kliegl-Turnhalle in Bad Kissingen fliegen die Fäuste - jeden Montag und Donnerstag abend. Es riecht nach Schweiß und ausgelatschten Turnschuhen. Der Trainer des "Boxclub 77", Rudolf Vielwerth, früher selbst ein erfolgreicher Faustkämpfer, steht im Ring und versucht, seinen Schützlingen zu vermitteln, was er unter Beinarbeit, Tempo und einer Zweier-Serie versteht. Der 20 jährige Waldemar Witzke aus Kasachstan atmet schwer. Die Arme sind müde. Er hat heute wenig ausgeteilt und viel einstecken müssen. Grundsätzlich ist das nichts Neues für ihn, in der Fremde. Er kam vor gut zweieinhalb Jahren in den Landkreis. Mit seinen Geschwistern und den Eltern lebt er in einer Fünf-Zimmer-Wohnung in Wildflecken, arbeitet im Straßenbau.

Er ist einer von rund 2,500 Ausländern, die sich in einer neuen Heimat zurechtfinden müssen. Rudolf Vielwerth hat ihm und fünf anderen jungen Aussiedlern im Alter von 15 bis 22 Jahren dabei ein gutes Stück weitergeholfen. Dem selbständigen Handelsvertreter geht es nicht allein darum, seinen Schützlingen zu Ruhm im Ring zu verhelfen. Es geht ihm auch um ein Stück Integration. Er will junge Menschen zusammenbringen, gemeinsam arbeiten und schwitzen.

Der "Boxclub 77" ist dabei selbst nicht mehr als eine große Familie mit gerade einmal zehn Aktiven. Der Bayerische Landessportverband unterstützt Vielwerth und seine Schützlinge mit Zuschüssen im Rahmen des Studienprojektes "Sport mit Aussiedlern". In dieser kleinen Schule des Lebens lehrt der 62 jährige die Tugenden Disziplin und Fairness, daß Boxer keine Schläger sind, und rausfliegt, wer sich nicht daran hält.

"Als Trainer ist er streng, als Mensch okay", sagt Waldemar. Für ihn ist der Boxclub zur Konstanten geworden. Wenn die sportlichen Erfolge auch auf sich warten lassen, so ist er doch schon um viele Erfahrungen reicher: "Es ist gut, mit der Mannschaft zu Wettkämpfen zu fahren - mit dem Bus nach Suhl, nach Marktredwitz. Da lernt und sieht man Neues, ist nicht allein, hat Kameraden". Bei soviel Nähe im kleinen Kreis bleiben die privaten Sorgen und Nöte nicht verborgen, und auch dafür fühlt sich Vielwerth zuständig. Er hilft, bei Problemen in der Schule, am Arbeitsplatz, bei der Wohnungssuche oder bei Behördengängen. "Ja", sagt Waldemar, "der macht alles für uns".

Vor vier Jahren ist Dani mit seiner Familie aus dem russischen Jekaterinburg nach Nürnberg gezogen. Richtig Fuß gefaßt hat er bis heute nicht. Am liebsten möchte der 18 jährige Koch werden, doch er hat weder Lehrstelle noch Arbeit gefunden. Und so zieht es ihn jeden Tag auf die Straße, in U-Bahnhöfe und Parks, wo seine Kumpels sich treffen: Junge Spätaussiedler wie er, "die gelangweilt rumhängen, weil sie keine Arbeit haben", sagt Manfred Hahn. Zusammen mit seiner Kollegin Jutta Zier ist er als Streetworker in einem Projekt der Arbeiterwohlfahrt täglich in der Szene unterwegs. Dabei haben sie auch Dani getroffen und ihm wie vielen anderen ihr Flugblatt in die Hand gedrückt, in dem sie in deutscher und russischer Sprache Hilfe bei Problemen aller Art anbieten. Dani hat es sich kurz angesehen und meinte dann spontan: "Wir haben kein Problem, wir sind das Problem. Man will uns hier nicht."

"In Rußland waren sie Nazis, hier sind sie Russen", schildert Hauptkommissar Bruno Liebermann von der Nürnberger Polizei das Dilemma. Mit der angeblich hohen Kriminalität junger Aussiedler begründen viele ihre Ablehnung. Die Polizeistatistik bestätigt das für Nürnberg nicht. Nur drei Prozent aller 1998 registrierten Tatverdächtigen waren Spätaussiedler, insgesamt 545. "Auch wenn es eine Dunkelziffer gibt: Das bewegt sich im normalen Rahmen", sagt Walter Kimmelzwinger, stellvertretender Chef der Polizeidirektion. Zumal in einer Stadt, in der sich so viele Spätaussiedler niedergelassen haben wie nirgendwo sonst in Bayern: über 30,000 waren es zwischen 1986 und 1995, sechs Prozent der Nürnberger.

Manche der Jugendlichen kamen nur auf Druck ihrer Eltern, andere stellten ernüchtert fest, "daß sie vergeblich vom Paradies Deutschland geträumt haben", sagt die Streetworkerin. Sie und ihr Kollege bieten "Hilfe zur Lebensbewältigung" an. Sie treffen die Jugendlichen auf der Straße oder in Grünanlagen. Wer will, den begleiten sie zu Behörden, helfen bei Papierkram oder vermitteln bei Konflikten. Sie bieten sinnvolle Freizeitbeschäftigung an, von gemeinsamen Ausflügen und Sport bis hin zum offenen Treff, bei dem sich die Jugendlichen mit Tischfußball oder am Flipper die Zeit vertreiben. Hahn: "Wir versuchen so, die Gefährdung zu reduzieren." "Sehr positiv" bewertet Kimmelzwinger die Versuche der Sozialarbeiter, "die Jugendlichen in geordnete Bahnen zu lenken."

Reprinted with permission of Süddeutsche Zeitung, Stuttgart, Germany.

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